Sport : Die Ärzte schlagen auf

Bei den US Open häufen sich die Verletzungen – die Spieler vermuten Essen und Klimaanlagen dahinter

Petra Philippsen[New York]
Tut’s weh? Die Serbin Jelena Jankovic wird medizinisch behandelt. In den ersten fünf Tagen der US Open mussten insgesamt 14 Spieler wegen Verletzungen aufgeben. Foto: Reuters
Tut’s weh? Die Serbin Jelena Jankovic wird medizinisch behandelt. In den ersten fünf Tagen der US Open mussten insgesamt 14...Foto: REUTERS

Nicolas Mahut lag lang ausgestreckt auf dem Boden, das Gesicht unter seinen Armen verborgen, während ein Physiotherapeut an ihm herumdehnte und -massierte. Das längste Tennismatch, das jemals stattfand, hatte der kleine Franzose vor einem Jahr in Wimbledon noch weggesteckt. An diesem Tag in New York aber war schnell klar, dass seine Schmerzen im Rücken einfach zu groß waren. Mahut lag ohnehin gegen den Weltranglistenzweiten Rafael Nadal mit 0:2 in den Sätzen zurück, das war aussichtslos. Er ging ans Netz und besiegelte mit dem Händeschütteln sein Aus in Runde zwei. Dass Rekordmann Mahut gerade wieder eine Bestmarke erreicht hatte, war ihm in diesem Moment aber sicher nicht klar. Und er würde dafür dieses Mal auch keine Trophäe erhalten, sondern bestenfalls ein Rezept. Denn Mahut war am nur fünften Tag der US Open der 14. Spieler, der verletzt oder krank das Handtuch warf oder gar nicht erst zu seiner Partie antrat.

Bisher hatten die Australian Open 2003 und Wimbledon 2008 mit insgesamt zwölf Aufgaben den Negativrekord bei Grand-Slam-Turnieren gehalten, nun scheint in Flushing Meadows die Skala nach oben hin sogar noch offen zu sein. „Natürlich ist das Tennisspiel physisch immer anspruchsvoller geworden“, sagte ein Sprecher der Spielervereinigung ATP, „aber der prozentuale Anteil der Aufgaben ist in dieser Saison nicht höher als in den Jahren zuvor.“ Dennoch ist die Anzahl der Ausfälle beim letzten Grand Slam der Saison besorgniserregend. Zumal noch etliche weitere angeschlagene Spieler ihre Partien zwar beendeten, aber kaum Gegenwehr leisten konnten.

Im letzten Jahr hatte es bei den US Open in 14 Turniertagen insgesamt elf Aufgaben gegeben, 2009 gar nur fünf. Aber nun ist noch nicht einmal die erste Woche überstanden. Es hatte zahlreiche verletzungsbedingte Rückzüge gegeben, da schmerzte beispielsweise Radek Stepanek die Schulter, Kei Nishikori der Rücken, Conor Niland und Louk Sorensen hatten Ganzkörperkrämpfe, Petra Cetkovska eine Zerrung im Bein. In diese Liste war der Weltranglistenfünfte Robin Söderling noch gar nicht eingerechnet, der Schwede hatte vor Turnierstart zurückgezogen. Söderling habe einen Virus, klagte über Schmerzen im Magen und gehörte damit zur Vielzahl der in New York erkrankten Spieler.

Die Akteure beobachten diese Entwicklung mit großer Sorge und werden langsam unruhig. „Ich weiß nicht, ob es wirklich so ist“, erklärte der fünfmalige US-Open-Champion Roger Federer, „aber es kursieren Gerüchte, dass es etwas mit dem Essen hier zu hat.“ Für den Weltranglistenvierten Andy Murray war das schon Grund genug, seinen Ernährungsplan umzustellen: viel Fisch und Gemüse anstatt Pasta und Steak. „Wir sehen die Absagen alle mit großer Sorge“, meinte der Brite, „viele schlucken nun Tabletten, um das Immunsystem zu stärken, und vermeiden es, länger als nötig in den Umkleiden oder dem Spielerbereich zu sein.“ Dort stellen die Klimaanlagen ein Problem dar, die die Räume nicht nur auf Eiseskälte herunterkühlen, sondern vor allem Viren in der Luft aufwirbeln und verteilen. Diesen auszuweichen, stellt jedoch ein aussichtsloses Unterfangen dar, da die Amerikaner ein ausgesprochenes Faible für Klimaanlagen haben.

Die siebenmalige Grand-Slam-Siegerin Venus Williams war am Mittwoch die prominenteste Absagerin. Dass die Amerikanerin bekannt gab, sie leide am Sjögren-Syndrom, einer Autoimmunschwäche, die Müdigkeit und Gelenkschmerzen verursacht, löste große Bestürzung aus. Ob sie je wieder Tennis spielen wird, ist ungewiss. Ebenso wie die Frage, ob sich bis zum Finale noch genügend gesunde Spieler finden werden. Die Turnierärzte und Physiotherapeuten sind zumindest weiterhin im Dauereinsatz.

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