Sport : Die Ästhetik der Taktik

Joachim Göres

Wann ist ein Fußballspiel schön? Warum sind Millionen von Menschen jedes Wochenende von seinem Reiz so gefesselt, dass sie in die Stadien strömen oder nicht ansprechbar den Nachmittag und Abend bei den Übertragungen vor Radio und Fernsehen verbringen? Im Literarischen Salon Hannover, wo sonst Gäste wie Tom Tykwer oder Roger Willemsen über Gott und die Welt philosophieren, begab sich am Montag Ralf Rangnick, Trainer des Zweitliga-Tabellenführers Hannover 96, zusammen mit dem Sportjournalisten Christoph Biermann und dem Kabarettisten und ehemaligen Pressesprecher des SC Freiburg, Dietrich zur Nedden, auf die Suche nach den Geheimnissen des runden Leders.

"In England habe ich als Zuschauer die einmalige Atmosphäre im Stadion erlebt. Anfangs steht man zehn Meter rechts vom Torpfosten, am Ende 30 Meter links davon, ohne einen Schritt gemacht zu haben. Die Menge reißt einen mit. Die Identifikation mit seiner Mannschaft ist auch bei einem grässlichen Kick unglaublich, da läuft es einem kalt den Rücken runter", erzählt der Schwabe Rangnick, der als Spieler ein Jahr in England verbrachte.

Von einem schönen Fußballspiel hat er seine eigene Auffassung: "Unser Spiel gegen Mainz vor kurzem war das Beste, was ich bislang in der Zweiten Liga gesehen habe." Das ging 2:1 für 96 aus und bestand aus relativ wenigen Torchancen. Dafür stießen zwei Mannschaften aufeinander, die beide die Raumdeckung bis zur Perfektion betrieben. Eine Meinung, die von Fans und Experten nicht immer geteilt wird: dpa bewertete die Partie als enttäuschende Spitzenbegegnung, und unter den 400 Zuhörern im ausverkauften Literarischen Salon waren etliche 96-Anhänger, die das 2:4 beim VfL Bochum Anfang Februar trotz der Niederlage ihrer Mannschaft interessanter fanden. "Das Spiel hätte auch 10:9 ausgehen können, es gab jede Menge Torchancen. Für die Zuschauer war das vielleicht unterhaltsamer, für mich war es eine Katastrophe, weil alles nur zufällig wirkte", so Rangnick.

Glücksmomente durch Fußball - davon sprach zur Nedden und erinnerte an das sagenumwobene Tor Diego Maradonas bei der WM 86 im Viertelfinale Argentinien gegen England, als Maradona in der eigenen Hälfte zu einem Solo ansetzte, fünf Gegenspieler austanzte und den Ball an dem herauseilenden Peter Shilton vorbeispitzelte. Muss ein Trainer immer nur kühl analysieren oder darf er sich auf der Bank von der Faszination überwältigen lassen? "In dieser Saison hat Jan Simak bei uns zwei so tolle Tore geschossen, dass man es kaum glauben kann und schon mitgerissen wird", gesteht Rangnick ein.

Überhaupt: Der Mann mit der Nickelbrille, wegen seiner ausführlichen Äußerungen zum Thema Taktik oft als Fußball-Oberlehrer verspottet, präsentierte sich in ungewohnter Umgebung schlagfertig und locker: "Wenn man ein paar andere Ideen als die üblichen hat, ist man sofort ein Theoretiker, und das ist im Fußball in Deutschland ein absolutes Schimpfwort." Und dann gibt sich Rangnick angriffslustig: die drei Wochen dauernden Trainer-Schnellkurse für verdiente Profis seien Heuchelei - "da ist auch noch keiner durchgefallen". Wer 300 oder mehr Bundesligaspiele auf dem Buckel habe, sei nicht automatisch zum Trainer prädestiniert, denn es fehle oft der Abstand, sich eigene Gedanken über den Profifußball zu machen. Mit Volker Finke und Christoph Daum seien nicht zufällig zwei Amateur-Fußballer unter den wichtigsten deutschen Fußballlehrern - auch wenn der eine inzwischen aus anderen Gründen abgestürzt ist.

Auf Teamchef Rudi Völler lässt Rangnick dagegen nichts kommen. Peter Neururer, der nach seiner achten Entlassung als Trainer inzwischen beim Zweitligisten Bochum arbeitet, hatte sich neulich gegen die Bezeichnung "Kollege" gewehrt, denn Völler habe ja niemals einen Trainerschein gemacht. Rangnick gibt Völlers Antwort wieder: "Wer einen Führerschein hat, kann deswegen noch nicht Auto fahren." Rangnick grinst, der Saal lacht. Die intellektuellen Fans träumen vom Erstligafußball in Hannover nach mehr als zehnjähriger Abstinenz, hoffen ihren Star Jan Simak trotz millionenschwerer Angebote durch die Konkurrenz zu halten und wünschen sich das neue Niedersachsenstadion, das nach dem Umbau für die WM 2006 ein reines Fußballstadion werden soll, sehnlichst herbei. "Dann können wir uns wieder hier treffen und darüber sprechen, wie wichtig die Atmosphäre für ein Spiel ist", sagt Rangnick in einem Anflug von Überschwang und holt sich selbst sofort auf den Boden der Realität zurück: "Wenn ich dann überhaupt noch hier bin." Mehr als drei Jahre hat in Hannover noch kein Trainer erlebt.

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