Sport : Die Ästhetik des Schleuderns

Warum Boris Henry „Wellen von Glückshormonen“ durchfluten, wenn er den Speer optimal in die Luft wirft

Frank Bachner

Berlin. Der Speer würde sehr weit gleiten, wahrscheinlich bis ans Ende des Platzes, das wusste Boris Henry schon beim Abwurf. Nach rund 30 000 Würfen hat ein Speerwerfer dieses Feingefühl. Und Henry sah diesen Speer gleiten und gleiten, es war ein Frauen-Speer, nur 600 Gramm schwer, er flog vor zwei Jahren bis ans Ende dieses Platzes in Baton Rouge in Louisiana/USA. Nach 20 Metern Flug spürte Henry „ein absolutes Glücksgefühl“. Nach 50 Metern spürte er nur noch nackte Angst. Denn der Speer landete nicht am Ende des Sportplatzes. Er flog weiter, über Büsche, auf eine belebte Straße. „Der Speer hätte eine Frau beim Einkaufen aufspießen können“, sagt Henry, „er hätte auch die Windschutzscheibe eines Autos durchstoßen und im Körper des Fahrers landen können.“ Es passierte nichts. Aber Boris Henry aus Saarbrücken, Dritter bei der EM 2002, Dritter bei der WM 1995, 1,93 m groß, ein Mann, der den 800 Gramm schweren Männerspeer schon 90,44 m weit schleuderte, wird nie mehr einen Frauen-Speer werfen.

Das ist die einzige Reaktion. Sein sinnliches Verhältnis zum Speerwerfen hat der Wurf nicht verändert. Natürlich nicht. Denn für Henry geht es hier um überwältigende Gefühle, Emotionen, die ein Außenstehender nicht verstehen kann. Ein Außenstehender sieht einen Speer fliegen, er sieht ihn landen, mit der Spitze im Rasen oder über das Gras rutschend. Dann wird die Weite bekannt gegeben, und das war’s dann.

Boris Henry sieht den Speer in der Luft, als wäre der ein wunderbarer Vogel. Dieser fliegende Speer strahlt auf ihn Ruhe aus, „so, als würde ich am Strand den Sonnenuntergang beobachten“. Henry sagt, er könnte stundenlang im Stadion Speerwerfen verfolgen. Er kann es, seit er als Sechsjähriger bei einem Sportfest mal Klaus Tafelmeier werfen sah, den früheren Top-Athleten. Er drehte sich zu seinem Vater und sagte: „Das mache ich auch mal.“ So wurde er Speerwerfer. Am Sonntag startet er beim Istaf in Berlin (Jahn-Sportpark, 14 Uhr).

Manchmal erlebt er jetzt selbst diese Würfe, für die sich alles lohnt, dieses harte Training, die Schinderei im Kraftraum. Henry läuft an, er stemmt den Fuß auf die Tartanbahn, zieht ab, und Henry weiß sofort, dass dieser Wurf phantastisch wird. „Da fließt eine Welle von Glückshormonen, da hast du irrsinnig viel Adrenalin im Blut.“ Unbeschreibliche Gefühle durchziehen seinen Körper. Henry fällt nur ein Vergleich ein: „Vielleicht fühlt es sich so an, wenn ein Kind geboren wird.“ Im Juni warf Henry in Rehlingen. Er hatte Jahre ohne richtig gute Weite hinter sich. In Rehlingen aber schleuderte er den Speer auf 88,10 Meter, so weit wie seit vier Jahren nicht mehr. Sein Gefühl? „Es war wie eine Bombenexplosion.“

Die Zuschauer registrieren das nicht. Sie sehen einen starken Kerl, der seinem Speer hinterherbrüllt. Das Geschrei kennen sie vom Kugelstoßen und vom Hammerwerfen, viele halten das Gebrüll für ein Ritual. Sie sind eben so, die starken Typen. Henry versucht deshalb erst gar nicht, andere an seinen Bildern teilhaben zu lassen, an dem Sonnenuntergang am Meer. Der 29-Jährige schwärmt auch nicht während eines Wettkampfs bei den Würfen der anderen. „Ich muss mich ja konzentrieren.“ Aber in Hotels unterhält er sich manchmal mit anderen Werfern über die Ästhetik ihrer Sportart. Meist jedoch genießt er allein zu Hause. Ausgerechnet im Jahnstadion warf Uwe Hohn aus Potsdam 1984 den Speer 104,80 m. Niemals haben Kampfrichter eine bessere Weite gemessen. Anschließend wurde der Schwerpunkt der Speere so verlagert, dass sie früher landen. Boris Henry hat den Wurf auf Video unzählige Male betrachtet. Und doch: Henry, der Beobachter, spürte keine Wellen von Glückshormonen. Die spürt nur Boris Henry, der Athlet. Er dachte bloß, dass Uwe Hohn erreicht hatte, was er noch immer sucht: „Den perfekten Wurf“.

Am Mittwochabend warf Boris Henry beim Super Grand Prix in Stockholm 85,26 m. Es war kein perfekter Wurf. Es war vermutlich nicht der Moment für Glückshormone.

meinberlin.de startet heute unter www.meinberlin.de/istaf2003 ein Gewinnspiel. Zehn Fragen rund um das am Sonntag stattfindende Istaf und die Golden League sind zu beantworten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar