Die Affäre um die WM 2006 : Stellungskampf ums Sommermärchen

Um die Vorwürfe zur WM 2006 wird auch medial gestritten . Der „Spiegel“ gerät nun unter Druck.

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DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sieht sich in diesen Tagen großen Vorwürfen ausgesetzt.
DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sieht sich in diesen Tagen großen Vorwürfen ausgesetzt.Foto: dpa

Wenn Medien ohne Quellenangabe Dinge behaupten, ist oft Vorsicht angebracht. Die Wochenzeitung „Zeit“ hat kürzlich geschrieben, ohne eine Quelle zu nennen, ein Freund habe Franz Beckenbauer einst Folgendes zugeraunt: „Wenn du mit Springer ein Problem hast, dann hast du ein Problem, wenn du mit dem Spiegel ein Problem hast, dann hast du keines.“

Ob das stimmt, lässt sich erst einmal nicht nachprüfen. Ein Medium haftet gegenüber dem Leser bei Behauptungen erst einmal mit seiner Glaubwürdigkeit. Bei einem Rechtsstreit müssen Belege vorgelegt werden. Aber Franz Beckenbauer, das lässt sich behaupten, hat derzeit auf jeden Fall ein Problem mit dem „Spiegel“. Das Magazin schreibt seit Freitag, es habe eine schwarze Kasse für die WM 2006 gegeben. Beckenbauer, seinerzeit Chef des Bewerbungs- und Organisationskomitees (OK), schwieg zwei Tage dazu und stritt dann am Sonntag in einem Statement Vorwürfe ab, er oder einer seiner Mitstreiter habe den WM-Zuschlag erkauft.

„Franz wehrt sich!“

Die „Bild“ titelte daraufhin am Montag: „Franz wehrt sich!“ Beckenbauer ist, mit Teamchef-Pause, seit 1982 Kolumnist bei den Medien des Springer-Verlages. Und die wiederum nehmen, so hat es den Anschein, die Gegenposition des „Spiegels“ ein und verteidigen die „WM-Macher“, wie sie in den eigenen Texten genannt werden. „Die Berichterstattung des ,Spiegels’ ist in meinen Augen unsachlich, unfair und ein absolutes No-Go“, sagte „Sportbild“-Chefredakteur Alfred Draxler beim Sport1-„Doppelpass“. „Franz Beckenbauer hat mir gesagt, die Behauptungen seien a Kaas.“

Längst scheint, in der Öffentlichkeit und in den Medien, ein Deutungskrieg entbrannt um die WM 2006, um die handelnden Personen, um tatsächliche wie vermutete Fakten. Ein Stellungskampf zwischen Zweiflern und Gläubigen, zwischen Angreifern und Verteidigern, wobei die Rollen auch mal wechseln. Der „Spiegel“ gerät dabei zusehends unter Rechtfertigungsdruck.

Jens Weinreich, freier Journalist und einer der Autoren des Textes, war am Sonntagabend telefonisch in der Talkrunde „Sky 90“ zugeschaltet. Zuvor hatte sich Medienanwalt Christian Schertz geäußert, der den DFB vertritt und Klagen auf Unterlassung, Gegendarstellung sowie gegebenenfalls Schadensersatz prüft. Der danach zugeschaltete Weinreich war aufgebracht, Sky habe ihn vorab nicht informiert, dass der „Honorar-Professor“, der „Nebelkerzen werfe“, vor ihm sprechen durfte. Er nannte Sky einen „Beckenbauer-Sender“. Der 70-Jährige ist seit Jahren Fernsehexperte beim Sender.

"Der Spiegel lehnt sich ungewöhnlich weit aus dem Fenster"

Das Magazin beruft sich unter anderem auf eine angebliche Geldanweisung, auf der ein Vermerk von Wolfgang Niersbach stehe, dem heutigen DFB-Präsidenten. Auf Nachfrage, ob der „Spiegel“ überprüft habe, ob die Handschrift Niersbachs sei, musste Weinreich einräumen: „Das haben wir noch nicht prüfen lassen, Nein.“ Bei Twitter schrieb er danach, Sky habe ihn auflaufen und in eine Falle tappen lassen. Auf Nachfrage wollte er sich erst einmal nicht mehr äußern. Niersbach wehrte sich bei der Eröffnung des DFB-Museums am Montag erneut gegen Vorwürfe.

Der Springer-Konzern teilt auf Anfrage mit, dass jedes seiner Medien unabhängig sei, Redakteure würden persönliche Kontakte nicht zum Anlass nehmen, ihre professionelle Distanz aufzugeben. Sky betonte, es sei die journalistische Pflicht des Senders gewesen, beide Seiten zu hören. Medienanwalt Schertz sagt dem Tagesspiegel: „Der ,Spiegel’ lehnt sich mit seinen Behauptung, dass Stimmen gekauft worden seien, in Ansehung dessen, dass er selbst im Artikel einräumt, dafür keinen Beweis zu haben, ungewöhnlich weit aus dem Fenster.“

Das Magazin, das nicht direkt geschrieben, aber den Eindruck erweckt hatte, die WM sei gekauft worden, muss plötzlich um die eigene Glaubwürdigkeit kämpfen. Sylvia Schenk von Transparency International kritisierte die Beweisführung: „Ich habe den Eindruck, dass der ,Spiegel’ zu früh veröffentlich hat, möglicherweise hätte man weiter recherchieren müssen.“ Die Antikorruptionsexpertin fragte sich vor allem, was Theo Zwanziger gewusst habe, der damalige DFB-Präsident und Schatzmeister des WM-OK. Der Fifa-Experte Guido Tognoni legte im ZDF sogar nahe, Zwanziger könne eine Quelle des „Spiegels“ sein, möglicherweise aus Rache gegen Niersbach. Zwanziger bestritt dies durch seinen Anwalt – und via „Bild“.

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