Sport : Die allgegenwärtigen Schwestern

Jennifer Capriati patzt bei der Jagd auf Serena und Venus Williams und scheidet im Achtelfinale in Filderstadt aus

NAME

Von Oliver Trust

Filderstadt. Sie sind tausende Meilen entfernt und doch präsent. Fast geisterhaft schweben sie über der Tennishalle am Rande Stuttgarts. Und die Konkurrentinnen reden über sie, als könnten sie jeden Augenblick auftauchen und alle erschrecken, obwohl sie nicht gemeldet haben. Der Tennis-Grand-Prix 2002 in Filderstadt ist in Abwesenheit der beiden dominierenden US-Amerikanerinnen zum Turnier der Williams-Jägerinnen geworden. „Wir tun alles, aber wir kommen einfach nicht heran, die sind zu stark", sagt Stefano Capriati, der Vater von Jennifer Capriati. Seine Tochter tat gestern nicht genug. Sie verlor ihr Achtelfinalspiel gegen Alexandra Stevenson mit 6:7 (4:7), 6:4, 4:6. „Das erste Spiel nach einer Pause ist immer besonders hart“, sagte die 26-Jährige entschuldigend.

Jennifer Capriati ist die Nummer drei der Welt. Hinter der führenden Serena Williams und ihrer Schwester Venus. „Serena rollt über alles hinweg. Aber es wird der Tag kommen. Es ist hart, ewig auf diesem Niveau zu spielen. Ich warte auf diesen Tag", sagt Amelie Mauresmo. Die Französin steht auf Rang vier des neuesten WTA-Rankings, Tendenz steigend. Mauresmo sagt auch, dass sie die Nummer eins der Welt werden wolle. Doch das klingt im Moment sehr unrealistisch. Gigantisch ist schon der Vorsprung von Serena Williams zu Jennifer Capriati. 2340 Punkte. Und 1085 Zähler Unterschied liegen noch zwischen Venus Williams und Capriati. Die besten Deutschen, Anca Barna (550 Punkte) auf Rang 66 und Barbara Rittner (540) auf Position 68, können beim Gezänk an der Spitze gar nicht mitreden. Martina Hingis aus der Schweiz und Lindsay Davenport sind die Nächsten im Quartett, die zum Sturz der Williams-Schwestern aufrufen. Bis auf Mauresmo standen sie alle schon einmal an der Spitze der WTA-Liste. Im Herbst 2001 wechselte die Position der Ranglistenersten innerhalb weniger Wochen wie ein Wanderpokal zwischen Hingis, Capriati und Davenport.

Der Weg zurück aber ist blockiert von hartem, schnellem und unerbittlichem Tennis. Die beiden Kraftpakete aus dem Hause Williams mussten früher unter Anleitung des Vaters Richard Williams mit einem Baseballschläger Grundschläge üben. Immer wieder mäkelte die Konkurrenz an deren Trainingsmethoden herum. Und 1997, als Martina Hingis Serena Williams in Key Biscayne schlug, gab ihr ein Tennis-Funktionär eine Perle, die Serena verloren hatte. „Ich habe euch etwas mitgebracht", rief Hingis auf der Pressekonferenz. „Eine Perle von Serena.“ Ungefähr an jenem Tag bekam die Feindschaft zwischen beiden ein festes Fundament. Im Februar 2002 ist die Williams-Familie am Ziel. Erst ist Venus, dann Serena ganz oben.

Derweil haben die Jägerinnen alle ihre Probleme. Hingis musste zwei schwere Verletzungen verkraften, Capriati kam gerade von einer schweren Lebenskrise zurück und Davenport kämpft stets gegen ihre Bequemlichkeit an. „Man muss auf die Zähne beißen, wenn man an die Weltspitze will", sagt Hingis. „Serena hat einen unglaublichen Vorsprung dieses Jahr." Hingis weiß aus ihrer eigenen Vergangenheit, wie es ist, wenn man die Beste der Welt ist. „Wenn man an der Spitze steht, ist man ziemlich alleine. Es gibt Neider und viele Geschichten. Jetzt, weiter hinten, wirkt man doch menschlicher", sagt die Schweizerin. Gegen die Geschichten über die Williams-Sisters aber haben weder Hingis, Davenport, Mauresmo noch Capriati etwas. Sie träumen alle im Verborgenen den Traum von der Rückkehr zur Nummer eins.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben