Sport : Die alte Schule

Erneut sollen die Werfer die deutsche Bilanz retten – viele von ihnen haben ihre Ausbildung noch in der DDR bekommen

Friedhard Teuffel[Helsinki]

Franka Dietzsch ist jetzt 37 Jahre alt, aber sie hat noch einmal etwas ganz Neues ausprobiert. Vor acht Wochen hat sie sich zum ersten Mal mit einem Psychologen getroffen. Die Diskuswerferin wollte ihre Nerven besser kontrollieren können. Also haben sie Atemübungen einstudiert. Außerdem soll Dietzsch noch versuchen, sich im Wettkampf Erfolgsmomente in Erinnerung zu rufen. Das könnte ihre Chancen auf eine Medaille bei der Weltmeisterschaft in Helsinki noch steigern. Sie liegt in der Weltrangliste auf Platz zwei.

Dietzsch gehört zur erfolgreichsten Gruppe des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, den Werfern. Zuletzt retteten die Werfer bei großen Veranstaltungen die deutsche Bilanz, auch bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen. Nur zwei Silbermedaillen hatten deutsche Leichtathleten dort gewinnen können, Nadine Kleinert im Kugelstoßen und Steffi Nerius im Speerwerfen. Die beiden gehören in Helsinki genauso zu den Medaillenhoffnungen wie der Kugelstoßer Ralf Bartels und Franka Dietzsch. 1999 war die Neubrandenburgerin sogar Weltmeisterin. Ein mentales Training hätten eher andere im deutschen Team nötig, Läufer oder Springer. Doch einen Teil von Dietzsch’ Vorbereitung könnten sie gar nicht machen. Welche großen Erfolgsmomente sollen sie sich denn in Erinnerung rufen?

Von wenigen Ausnahmen wie Stabhochspringer Tim Lobinger und Dreispringer Charles Friedek abgesehen, wissen nur die Werfer, wie sich eine Siegerehrung bei einer Welt- oder Europameisterschaft anfühlt. Dafür gibt es einige Gründe. „Ich möchte die Werfer nicht mit den Fechtern oder Dressurreitern vergleichen, aber die Konkurrenz ist eine andere als beim Sprint oder auf der Langstrecke“, sagt der leitende Bundestrainer Jürgen Mallow. Die Läufer müssten sich gegen erhebliche Konkurrenz aus der Karibik oder Afrika durchsetzen. Auf den Langstrecken hat der DLV daher nur einen einzigen Platz für Helsinki vergeben: Sabrina Mockenhaupt startet über 10000 Meter. Den Werfern reicht dagegen oft, wenige Athleten aus Osteuropa, Skandinavien und Amerika hinter sich zu lassen. Damit will Mallow die Leistung der deutschen Kugelstoßer, Speer-, Diskus- und Hammerwerfer nicht schmälern, aber die anderen Athleten in Schutz nehmen. Der Erfolg der Werfer habe noch weitere Ursachen: „Sie haben herausragend gute Trainer, und es gibt Vorbilder, an denen sie sich hochziehen können.“ So ist im Kugelstoßen auf Astrid Kumbernuss gleich Nadine Kleinert gefolgt.

Der Neubrandenburger Kugelstoßer Ralf Bartels erwähnt aber zugleich einen sensiblen Punkt seiner Disziplin: die Doping-Mentalität seiner Konkurrenten. „Wir haben kaum noch die Möglichkeit, ganz vorne dabei zu sein, weil die Doping-Möglichkeiten noch größer geworden sind“, sagte der Deutsche Meister und Europameisterschafts-Dritte.

Franka Dietzsch geht auf dieses Thema nicht ein. Noch sind die Ergebnisse bei den Werfern ja gut. „Wir haben alle die alte Schule genossen.“ Die alte Schule, das ist die Erziehung in den Kinder- und Jugendsportschulen der DDR. Dort sind den jungen Athleten ausgezeichnete Grundlagen vermittelt worden, von denen manche bis heute profitieren. Im Grunde sind die erfolgreichen deutschen Werfer die letzten Schüler der DDR, Dietzsch ebenso wie Nerius. „Ich habe das System der Kinder- und Jugendsportschulen noch intensiv nutzen können“, sagt Nerius. Fünf Jahre ist sie auf eine solche Schule in Rostock gegangen.

Und gerade die Werfer erwartet in Helsinki ein hochachtungsvolles Publikum. Speerwerfen gehört fest zur nationalen Identität der Finnen, vier von sechs Weltmeistertiteln haben sie in dieser Disziplin gewonnen. An einen Titelgewinn denken die deutschen Werfer dagegen im Moment nicht, aber sie wollen mehr sein als die Besten in einer durchschnittlichen Mannschaft.

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