Sport : Die Alten sollen Milan retten

Bayerns Gegner steckt im Formtief – erfahrene Spieler müssen mehr Verantwortung tragen

Vincenzo Delle Donne[Mailand]

Wegen seines unerschütterlichen Gleichmuts nennt man Carlo Ancelotti den „Buddha“ des italienischen Fußballs. Der 47-Jährige hat das Lachen und den Sinn für die „battuta“, den Wortwitz, nicht verlernt. Das heutige Champions-League-Spiel gegen Bayern München (20.45 Uhr, live auf Premiere) ist für den Trainer des AC Mailand das erste von vielen Endspielen. Doch der Trainer spielt es herunter. „Wenn wir uns nicht für die Champions League qualifizieren, wird Milan davon auch nicht untergehen“, sagt er. Ancelottis diesjährige Erfolgsbilanz ist eher mäßig, weshalb in Italien immer wieder Entlassungsgerüchte kursierten. Er nimmt sie gelassen hin. „Milans Zukunft ist klar umrissen – abgesehen von dem Ausgang der kommenden Spiele“, sagt Ancelotti.

Die Gruppe, die Ancelotti jetzt noch leiten darf, versteht sich als große Familie. Beklatscht werden etwa neue Spieler, die verpflichtet und dann offiziell vor versammelter Mannschaft vorgestellt werden. „Der Klub ist wie eine große Familie“, bemerkte Ronaldo nach seinem Wechsel von Real Madrid. Beklatscht werden auch Vertragsverlängerungen wie die von Torwart Dida, der nach zähem Poker seinen Vertrag bis 2010 verlängert hat. „Dass wir eine Familie sind, hat mit der Firmenphilosophie dieses Klubs zu tun“, sagt Ancelotti. Als seinen Nachfolger hat die Familie – will man den Gerüchten glauben – schon Weltmeistertrainer Marcello Lippi auserkoren.

Auch der Trainer gibt zu, dass sich Milan in einem heiklen Umbruch befindet. Statt die Konkurrenz zu dominieren, zögert die Milan-Führung bei großen Coups. Milan-Präsident Silvio Berlusconi ist zudem mit einer Vielzahl anderer Probleme beschäftigt, als dass er sich um sein Lieblingsspielzeug kümmern könne. Der Acht-Punkte-Abzug wegen der Verwicklung in den Fußballskandal nagte zudem an der Psyche der Milan-Spieler. Erstmalig machte sich das Bewusstsein breit, dass man mit europäischen Rivalen wie Manchester United, dem FC Barcelona oder gar dem FC Bayern nicht mehr mithalten könne. Die Finanzkraft ist dem Berlusconi-Klub abhandengekommen.

Umsatzmäßig rangiert der Klub inzwischen hinter der Konkurrenz. Zu Saisonbeginn wurde daher auf eine Verjüngung der Mannschaft gesetzt. Doch die jungen Talente verloren schon bald die Orientierung, weil der Erfolgsdruck zu groß war. „Talent allein reicht eben nicht aus, um in der Serie A zu bestehen“, sagt Clarence Seedorf. Ein eklatantes Beispiel ist Jungstar Yoann Gourcuff. Den Franzosen will Seedorf nun persönlich wieder in die Erfolgsspur bringen.

In der Abwehr schwächelte Milan zuletzt gewaltig. Diese Misere dürfte jetzt mit dem wieder genesenen Alessandro Nesta ein bisschen behoben werden, der am Wochenende beim 1:1-Remis gegen den AS Rom nach viermonatiger Verletzungspause erstmalig wieder spielte. „Wir können Nesta einsetzen, der ein tolles Spiel gemacht hat“, sagte Ancelotti, „gegen Bayern wird auch Serginho spielen.“

Es ist fraglich, ob Milan noch den rettenden vierten Champions-League-Platz erreicht. Nur dadurch könnte der Klub verhindern, wirtschaftlich abzurutschen. Der Abwärtstrend scheint mit dem politischen Niedergang seines Präsidenten Silvio Berlusconi einherzugehen, der auch nicht mehr so liquide zu sein scheint wie zuletzt. In dieser prekären Situation setzt man auf erfahrene Spieler. Großmundig wird die neue Achse Dida–Maldini–Ronaldo als hoffnungsvolles Mailänder Triptychon vorgestellt. Paolo Maldini feierte bereits sein 600. Ligaspiel für Milan. Gegen die Bayern wird er jedoch wegen einer Verletzung fehlen. Und auch Ronaldo ist nicht dabei, der in dieser Saison bereits mit Madrid in der Champions League antrat und damit nicht spielberechtigt ist.

Das Spiel im Internet sehen: Seite 27

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