Sport : Die Alternative

Jan Ullrich hat sich noch einmal operieren lassen, sein Team will Giro-Sieger Paolo Savoldelli

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Von Christine-Felice Röhrs

Berlin. Vielleicht wird er ja doch wieder gesund, der Jan Ullrich. Die zweite Operation an seinem rechten Knie ist am Dienstag zumindest sehr gut verlaufen. „Ich bin optimistisch, dass er bald vollständig wieder hergestellt ist“, hat sein Arzt dem Tagesspiegel am Mittwoch gesagt. Aber ob das dem Sportler noch etwas nützen wird? Zur gleichen Zeit, als Ullrichs Arzt von der vielversprechenden Operation berichtet, bestätigt Rudy Pevenage, Sportdirektor des Team Telekom, dass er den Giro-Sieger Paolo Savoldelli verpflichten will. „Wir sind uns weitgehend einig, nur eine Unterschrift gibt es noch nicht“, sagt Pevenage in dem Moment, als Ullrich die Klinik in München-Solln wieder verlassen darf.

Jan Ullrichs Arzt ist Ernst-Otto Münch, Orthopäde und Experte für Kniegelenksverletzungen. Am vergangenen Montag, zwei Tage nach Ullrichs Rückkehr aus einem fünfwöchigen Amerika-Urlaub, haben sich Arzt und Patient zum ersten Mal getroffen. Die Schmerzen im rechten Knie seien seit Monaten schlimmer geworden, hat Ullrich dem Arzt erzählt. Behandlungen mit entzündungshemmenden Mitteln und Elektrotherapie hätten letztlich kaum noch geholfen.

Vielleicht hat Jan Ullrich im Urlaub neue Entschlossenheit entwickelt, vielleicht hat sich in dieser Zeit auch zuviel Druck angesammelt – auf jeden Fall hat der 28-Jährige seinen neuen Arzt schon am Morgen nach dem Vorgespräch angerufen und verlangt: Heute machen wir es. Um 14 Uhr lag er, voll narkotisiert, unter Münchs Messer.

Die Operation hat Ernst-Otto Münch in der Sana-Klinik vorgenommen, einem auf orthopädische Eingriffe spezialisierten Krankenhaus, und sie hat eine Stunde gedauert. Im Gegensatz zu der vorangegangenen OP in einem Hamburger Klinikum, wo eine Sonde in die Kniegelenkskapsel hinein geschoben worden war, sei dies eine offene Operation gewesen, sagt der Arzt. Das heißt: Die Haut und alle weiteren Schichten bis runter auf den Oberschenkelknochen sind aufgeschnitten worden. Dort, an der Innenseite, befand sich die mandelgroße knöcherne Vorwölbung die dem Sportler solche Schmerzen bereitet hatte. „Bei jeder Muskelanspannung sind Innenband und Kniegelenkkapsel darüber gescheuert, und das hat einen chronischen Reizzustand hervorgerufen.“

Münch hat den störenden Knochenwulst mit einem Meißel abgetragen, alles wieder zugenäht und mit einem Verband versehen. Nicht einmal einen Gips muss Jan Ullrich tragen, nur an Krücken soll er noch ein paar Tage gehen. In sechs Wochen, sagt der Arzt, kann der Sportler schon wieder aufs Rad. „Auf mich hat er wirklich einen äußerst motivierten Eindruck gemacht.“

Sollte Jan Ullrich wirklich wieder voller Tatendrang sein – es wäre eine bedeutende Verbesserung. In den vergangenen Monaten war er hauptsächlich deprimiert. Wegen der Knieprobleme hatte er seit Januar kein Rennen mehr bestreiten können. Dann kam die Drogen-Affäre: ein paar Pillen im Nachtklub, eine Kontrolle kurz darauf, und nun ist Ullrich noch bis März 2003 gesperrt, sein Telekom-Vertrag ruht. „Für die kommende Saison werden wir auch ohne Jan planen“, hat Rudy Pevenage mehrmals angedroht. Diese Drohung scheint der Bonner Rennstall mit der Verpflichtung von Savoldelli jetzt wahr machen zu wollen. Der 29-Jährige, derzeit Kapitän des Teams Index-Alexia, soll einen Dreijahresvertrag von 2003 bis 2005 erhalten.

Der „Falke aus Clusone“, wie der Lombarde wegen seiner tollkühnen Abfahrten auch genannt wird, hat Anfang Juni erstmals den Giro d’ Italia gewonnen. Er gilt zwar nicht als Ausnahme-Athlet wie Lance Armstrong oder Jan Ullrich, aber als großer Kämpfer. Für Telekom wäre er aus mehreren Gründen ideal. Sollte Ullrich kein Comeback gelingen, hätte man mit Savoldelli dennoch einen potenziellen Champion. Und falls Ullrich den Anschluss doch wieder schafft, könnten er und Savoldelli bei der Tour de France 2003 Lance Armstrong gemeinsam angreifen. Außerdem bringt der Italiener so viele Weltranglisten-Punkte mit, dass der drohende Absturz aus den Top Ten verhindert würde. Zurzeit belegt das Team nur noch Platz zehn.

Ullrich selbst lässt keinen Zweifel an seiner neuen Entschlossenheit. Auf der Telekom-Internetseite teilt er mit: „Ich hoffe, dass die Ursache für meine Probleme endgültig beseitigt ist und ich nun auch bei hoher Belastung wieder richtig trainieren kann.“

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