Sport : Die andere T-Frage

Schalke verlängert vorzeitig mit Trainer Slomka

Richard Leipold[Gelsenkirchen]

Im Berufsfußball sind Termine Schall und Rauch. Wichtige Personalfragen werden neuerdings viel früher entschieden als angekündigt. Hat Jürgen Klinsmann mit der vorzeitigen Auflösung der Deutschland bewegenden T-Frage Kahn oder Lehmann einen Trend gesetzt? Der Vorstand des FC Schalke 04 jedenfalls ist dem Beispiel des Bundestrainers in einer anderen T-Frage gefolgt. Obwohl die Mannschaft in der Bundesliga in jüngster Zeit des öfteren arg enttäuschte, verlängerte der Klub den Trainervertrag mit Mirko Slomka am Montag um ein Jahr. Noch am Abend zuvor – nach dem dürftigen 1:1 in Duisburg – hatte Teammanager Andreas Müller bekräftigt, dass die Schalker T-Frage erst im Mai entschieden werde. „Es bleibt dabei, dass wir uns am Ende der Saison mit Mirko zusammensetzen und eine Entscheidung treffen.“ Am Montagvormittag hat sich erst einmal der Vorstand zusammengesetzt und einstimmig beschlossen, dass die Frage spruchreif sei. „Wir sind von Mirkos Arbeit zu hundert Prozent überzeugt, deshalb brauchten wir auch nicht mehr bis zum 34. Spieltag zu warten“, sagte Manager Rudi Assauer, von dem es geheißen hatte, er habe mit solch bedeutenden Personalien nur noch am Rande zu tun. In der Winterpause hatte er zugegeben: „Auf die Idee Mirko Slomka wäre ich nicht gekommen.“

Wenn es um vertragliche Angelegenheiten geht, pflegt der Vorstand den Trainer zu überraschen. Anfang Januar hatte der 38 Jahre alte Fußball-Lehrer damit gerechnet, auf der Geschäftsstelle seine Entlassungspapiere zu bekommen, doch dann wurde er mitten in der Nacht vom Assistenten zum Nachfolger des entlassenen Cheftrainers Ralf Rangnick befördert. Damit verbunden war die Zusage, einen Anschlussvertrag zu erhalten, falls Schalke die Bundesligasaison mindestens auf dem dritten Platz abschließe. Diese Bedingung scheint nicht einzutreten. Der Rückstand auf den aktuellen Dritten Werder Bremen beträgt sechs Punkte; hinzu kommt das deutlich schlechtere Torverhältnis der Gelsenkirchener, die in Duisburg gegen einen voraussichtlichen Absteiger nicht den Eindruck machten, als hätten sie große Reserven.

Begünstigt durch ein Eigentor von Christian Poulsen hatten die wacker kämpfenden MSV-Profis sogar dicht vor einem Sieg gestanden; erst kurz vor Schluss gelang dem eingewechselten Stürmer Sören Larsen das Tor zum Ausgleich, den die Schalker hinterher selbst als schmeichelhaft bezeichnen mussten. Den Führungskräften hat dieser merkwürdig uninspirierte Auftritt gegen den fast verlorenen Tabellenletzten Einsichten eröffnet, die sie bisher trotz des Abschwungs ignoriert hatten. „Mit dieser Leistung haben wir in der Champions League nichts zu suchen“, befand Andreas Müller. „Jetzt wird es eng, um nicht zu sagen: aussichtslos. Es wird eine Trainerdiskussion geben, aber wir werden uns nicht daran beteiligen.“

Saisonziel verfehlt, Trainerfrage gestellt – das war bei Licht besehen die Bilanz dieses fußballerisch unerfreulichen Abends. Die Unterschiede zwischen einer Mannschaft von vermeintlich internationalem Großformat einerseits und einem nationalen Billigteam andererseits verschwammen in einem Grau, das für Schalke zum Grauen wurde. Das Kommunikationstalent Slomka, inzwischen ein geübter Schönredner, vermochte das Offensichtliche nicht zu kaschieren. „Für beide Mannschaften ist der eine Punkt hier leider zu wenig, schade.“

Um so mehr überraschte die Entscheidung des folgenden Vormittags – nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch den Trainer selbst. „Ich bin schon etwas aus dem Häuschen. Damit hätte ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht gerechnet, zumal wir in der Bundesliga gerade ein kleines Tal durchschreiten. Es ehrt mich, dass mir dieser Vertrauensbeweis zuteil wird“, sagte Slomka. Bei zwei Punkten aus vier Spielen, erkämpft gegen Wolfsburg und Duisburg, ist es ein tiefes Tal. Mit der Vertragsverlängerung wollte der Vorstand den Spielern und einem Teil der Presse vermutlich signalisieren, dass die Mannschaft nicht schon wieder den Trainer für ihr (zu erwartendes) Scheitern verantwortlich machen könne. Dem Fußball-Lehrer Slomka bietet sich weiterhin die Chance seines Lebens. Und wieder kommt sie überraschend.

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