Sport : Die andere WM

In Gladbach wird eine große Hockey-Arena eröffnet

Stefan Hermanns[Mönchengladbach]

Florian Kunz ist lange standhaft geblieben, „aber irgendwann ging es nicht mehr“. Der ehemalige Kapitän der deutschen Hockey-Nationalmannschaft hat alle Einladungen abgelehnt, sich die neue Hockey-Arena einmal anzuschauen. Das Stadion liegt gerade einen Kilometer Luftlinie von seiner Wohnung entfernt, und Michael Hilgers höchstselbst hat sich als Fremdenführer angeboten. Hilgers, der die deutschen Hockey-Herren 1992 zum Olympiasieg geschossen hat, ist der Geschäftsführer des neuen Stadions. „Er würde gern hier spielen“, sagt Hilgers über Kunz, aber wenn im September in Mönchengladbach die Weltmeisterschaft ausgetragen wird, wird Kunz nur als Zuschauer auf der Tribüne sitzen. Nach den Olympischen Spielen in Athen hat er seine internationale Karriere beendet, und nicht einmal die Aussicht, vor der eigenen Haustür den WM-Titel zu verteidigen, hat Kunz davon abbringen können.

„Ich habe schon die schönsten Hockey- Stadien der Welt gesehen“, sagt Kunz. „Aber das ist das beste.“ An diesem Wochenende wird die WM-Arena mit einem Vier-Nationen-Turnier eröffnet – anderthalb Jahre nach der Grundsteinlegung und viereinhalb nach der ersten Idee. Hilgers hat damals eine Skizze angefertigt, die der Realität erstaunlich nahe kommt. Eine der beiden Tribünen hat er damals als Verwaltungsgebäude konzipiert. Hilgers hat deswegen häufig zu hören bekommen, „dass das so eigentlich nicht geht“.

Obwohl seine Pläne inzwischen wahr geworden sind, ist ein Rest Skepsis geblieben. Die Tribünen bieten Platz für 9046 Zuschauer. Zur WM wird die Kapazität sogar auf 14 000 aufgestockt. „Mein Traum ist ein WM-Endspiel Deutschland gegen Holland“, sagt Hilgers. „Dann weiß ich, dass das Stadion aus allen Nähten platzt.“ Die WM wird nicht das Problem sein, eher die Zeit danach: Wie viele Zuschauer werden auf den 9046 Plätzen sitzen, wenn der GHTC ein Bundesligaspiel gegen den Rüsselsheimer RK austrägt?

Im Moment wird das Stadion vor allem als Trainingsstätte der Nationalmannschaft genutzt. Ende März sind die Spieler zum ersten Mal zu ihrem Zentrallehrgang in der neuen Arena gewesen, „damit sie ihr WM-Feeling schon mal visualisieren können“, wie Bundestrainer Bernhard Peters sagt. Es ist ein imposanter Anblick: Vom tiefer gelegten Spielfeld ragen die beiden Tribünen an den Längsseiten 35 Meter steil in die Höhe. Durch die bunte Bestuhlung wird auch bei geringer Auslastung die Illusion erzielt, dass die Tribünen gut besetzt sind. „Man konnte schon erahnen, wie es ist, wenn das Stadion voll ist“, sagt Nationaltorhüter Uli Bubolz vom Berliner HC.

Allerdings kann es am Niederrhein auch ziemlich ungemütlich werden. Weil die Kopfseiten des Stadions weitgehend offen sind, pfeift der Wind ungebremst über das Spielfeld. Das Stadion liegt inmitten der Parkplätze des benachbarten Borussia-Parks, in einer Einöde aus Stein und Beton. „Es ist keine großartige Lage in dem Sinne, dass dort Natur drum ist“, sagt Bubolz. Dafür wirke alles höchst professionell. Den ganz normalen Luxus sind Hockeyspieler in Deutschland nicht gewohnt, gepolsterte und beheizbare Sitze für die Auswechselspieler zum Beispiel. Florian Kunz sagt: „Die Umkleidekabinen sind so groß wie bei Bayern München.“

Acht Millionen Euro hat das Stadion gekostet. Fünf Millionen hat das Land Nordrhein-Westfalen aufgebracht, den Rest die Stadt. Die Betriebsgesellschaft, deren Geschäftsführer Hilgers ist, hat die Anlage von der Stadt Mönchengladbach gepachtet und muss nun sehen, wie sie die Betriebskosten deckt. „Die Bedenken, dass das finanziell nicht funktioniert, sind ausgeräumt“, sagt Hilgers. Für zehn Jahre hat er die Warsteiner-Brauerei als Namenssponsor der Arena gewonnen. Dadurch seien die Kosten bereits gedeckt.

„Für uns ist das ein großer Schritt vorwärts“, sagt Karsten Dufft, Sportdirektor des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) über das neue Stadion, das nun auch der Sitz des Verbandes ist. Der DHB ist von Hürth bei Köln nach Mönchengladbach umgezogen – in die Tribüne, die Hilgers vor vier Jahren als Verwaltungsgebäude konzipiert hat. Für 25 Jahre kann der DHB die Räume mietfrei nutzen.

Im Gegenzug wird sich der Verband jedes Jahr um eine internationale Großveranstaltung bewerben. Mönchengladbach wirbt schon jetzt als „Hockey-Hauptstadt“ für sich. „Wir werden mit Sicherheit auch ein eigenes Turnier etablieren“, sagt Hilgers. Außerdem will er Konzerte veranstalten, im Sommer soll die Arena zum Freiluftkino werden, und auch der Gladbacher HTC trägt die Hälfte seiner Bundesligaspiele im neuen Hockey-Park aus. Die Bundesligamannschaft ist aus dem Klub in die Betriebsgesellschaft des Stadions ausgegliedert worden. Der Manager des Teams hatte dagegen keine Bedenken. Er heißt – Michael Hilgers.

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