Sport : Die Angler kämpfen immer noch mit der deutschen Einheit

Alexander Kranz

Ein in die Jahre gekommenes Nachschlagewerk wie den Sport-Brockhaus von 1984 zu überarbeiten, ist sicherlich notwendig. In einem Punkt aber können sich die Lektoren ihre Arbeit sparen. "In der Bundesrepublik Deutschland ist für das Sportfischen der 1946 gegründete Verband Deutscher Sportfischer (VDSF) oberster Dachverband", steht dort geschrieben. Und weiter heißt es: "In der Deutschen Demokratischen Republik besteht seit 1954 der Deutsche Angler-Verband (DAV)." Was 1984 zu Zeiten zweier deutscher Staaten aktuell war, gilt zehn Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch: Die zwei Verbände der Sportfischer haben sich bisher nicht vereinigt

Das Wasser, das die beiden Verbänden trennt, ist offensichtlich tief. "Wir haben immer wieder Versuche unternommen, die Einheit herbeizuführen", sagt VDSF-Präsident Werner Meinel. Bernd Mikulin, Präsident des DAV, räumt ein, dass der ehemals ostdeutsche Verband durchaus zu einer Zusammenarbeit bereit sei. "Aber der VDSF muss akzeptieren, dass unsere Mitglieder den Anschluss nicht wollen." So votierten die DAV-Mitglieder auf ihren vergangenen Verbandstagen dreimal gegen eine Vereinigung.

Zum ersten Mal strebten die beiden Sportfischer-Verbände 1989 eine Vereinigung an. "Es war der Wunsch beider Seiten, aufeinander zuzugehen", erinnert sich Mikulin, der erst im April 1990 die DAV-Präsidentschaft antrat. Doch dem VDSF sei die Entwicklung zu langsam gewesen, woraufhin die "freundschaftlichen Beziehungen" auf Eis gelegt wurden. Knapp zehn Jahre nach dem ersten Treffen räumt VDSF-Präsident Werner Meinel ein, dass sein Amtsvorgänger Frank Veltrup die Sache wohl zu forsch angegangen sei. Die Vorwürfe, dass der VDSF im Zuge einer Vereinigung Ansprüche auf das DAV-Vermögen erhoben habe, weist er jedoch zurück.

"Der DAV sollte lediglich einen Vizepräsidenten stellen", moniert Mikulin die Ungleichbehandlung, die eine Annäherung noch immer erschwert. Der DAV habe in der Zwischenzeit einen paritätisch zusammen gesetzten Vorstand gefordert, den der VDSF abgelehnt habe. "Was ist daran demokratisch", fragt Mikulin. "Der größere Verband hat doch nicht automatisch mehr zu sagen."

Der jüngste Versuch der Kontaktaufnahme mit dem DAV liegt laut VDSF-Präsident Werner Meinel ein halbes Jahr zurück. Im September 1999 habe er Bernd Mikulin einen Brief geschrieben. Ein Zwölf-Punkte-Programm sollte einer möglichen Einheit zugrunde liegen, bei der es "keinen Sieger und keine Besiegten geben darf". Weil sich an der grundsätzlichen Einstellung beim VDSF jedoch nichts geändert habe, gehe er nicht darauf ein, deutet Mikulin an.

680 000 Mitglieder hat der westdeutsche Sportfischerverband, der eigentlich gar nicht mehr als westdeutsch bezeichnet werden darf. Wie in den alten Bundesländern sind auch in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin-Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Landesverbände entstanden, die dem VDSF beigetreten sind. Knapp 100 000 Angler seien "freiwillig zu uns gekommen", so Meinel. "Die Tatsache, dass es zwei Verbände gibt, entbindet uns schließlich nicht von der Pflicht, für alle Angler zu denken." Andererseits ist auch der DAV im Westen vertreten: Von den 250 000 Mitgliedern sind knapp 60 000 in den alten Bundesländern zu Hause.

Warum die beiden Verbände bisher nicht zueinander gefunden haben, mag damit zusammen hängen, dass beide ihre Struktur für die bessere halten. "Entscheidungen werden auf unserer Jahreshauptversammlung von unten nach oben getroffen", sagt Meinel, als wolle er eine demokratische VDSF-Struktur betonen. "Und wir lassen uns nicht hinstellen, als seien das hier alles alte DDR-Seilschaften", entgegnet Mikulin, "der VDSF muss akzeptieren, dass wir auf unsere Art erfolgreich arbeiten."

Einen wesentlichen Unterschied zwischen DAV und VDSF gibt es: So haben die VDSF-Vereine eigene Gewässer, deren Mitglieder zahlen - je nach Verein - einen Beitrag von 50 bis 300 Mark pro Jahr. Beim DAV bestimmen die Landesverbände die jährlichen Mitgliedskosten, die - wie beim sächsischen Landesverband - etwa 165 Mark betragen.

Als Problem, das aus zwei deutschen Verbänden resultiert, sieht Meinel die Kräfteschwächung: "Wir hätten sonst einen knapp eine Million Mitglieder starken Verband." Die Angler wären dann ein nicht zu unterschätzender Sportverband. Das findet auch Bernd Mikulin, zumal man sich in Fragen der Gewässerpflege, des Arten- und Naturschutzes wahrlich nicht voneinander unterscheidet. Ein Zusammenschluss scheint dennoch in weiter Ferne zu liegen.

Zum Angeln kommen beide Präsidenten ob ihrer Aufgaben kaum. Er sei in den letzten fünf Jahren einmal Angeln gewesen, gesteht Werner Meinel. Bernd Mikulin hat es im vergangenen Jahr immerhin dreimal geschafft. Den Fischen kann es nur Recht sein.

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