Sport : Die Angst vorm ersten Mal

Die Skirennläuferin Maria Riesch ist noch nie schwer gestürzt – das ist ein Grund für ihre Erfolge

Frank Bachner

Berlin. Maria Riesch erzählte die Geschichte ihren Eltern so entsetzt, als hätte sie diese ganzen Probleme. Als hätte sie den linken Daumen mehrfach gebrochen, als hätte sie einen Kreuzbandriss am rechten Knie und einen Innenbandriss, einen Kreuzbandriss und einen Aussenbandriss am linken Knie. „Stellt euch vor“, sagte Maria Riesch, „die Tamara kann nicht mal richtig ihre linke Krücke halten. Weil der Daumen im Gips liegt.“ Die Tamara ist die Skirennfahrerin Tamara Müller aus Goldau in der Schweiz, die beim Training zur Weltcup-Abfahrt in Cortina d’Ampezzo schwer gestürzt ist. Maria Riesch aus Garmisch-Partenkirchen hat der Fall Müller schwer mitgenommen. Sie ist selber Skirennläuferin, so etwas kann ihr ja täglich auch passieren. Deshalb analysiert sie jeden Sturz einer Konkurrentin, den sie auf Video zu sehen bekommt. Sie sagt dann: Hier ist sie falsch gefahren. Oder: Da lag der Fehler. Als könnte sie damit Fehler vermeiden, die zu Stürzen führen. Wahrscheinlich kann sie das im Zweifelsfall nicht, aber das Videostudium hat Placebo-Effekt: Es beruhigt.

Und vielleicht nimmt es diese Angst vor dem ersten Mal. Denn Maria Riesch, 19 Jahre alt, ist noch nie schwer gestürzt. Sie hatte mal eine Knöchelverletzung, aber da war sie 15, sie wurde nicht mal operiert. „Ich denke, dass sie trotz all der Unfälle auch deshalb so unbekümmert fährt, weil sie selber noch nie schwer gestürzt ist“, sagt Monika Riesch, die Mutter. Nur heftige Schmerzen hatte Maria Riesch am Sonntag, vor dem Super-G. Sie war am Samstag bei der Abfahrt in Haus gestürzt, und am Sonntag sagte die Mutter: „Mädchen, lass es sein.“ Maria Riesch startete trotzdem, gewann sensationell und rief ihrer Mutter später zu: „Stell Dir vor, ich wäre nicht gefahren.“

Maria Riesch ist seit ihrem Doppelsieg vom vergangenen Wochenende Deutschlands neuer Skistar. Doch so neu ist sie gar nicht. Maria Riesch war in der vergangenen Saison Kombinationsdritte in Lenzerheide, mit 16 Jahren gab sie ihr Weltcup-Debüt, unlängst fuhr sie in Maribor auf Rang vier. Aber sie fiel auch oft aus. Trotzdem adelte sie der deutsche Cheftrainer Wolfgang Maier zu einer Kandidatin für den Gesamt-Weltcupsieg.

Jetzt muss Maier bremsen. „Sie ist noch nicht soweit.“ Er will nicht, dass ein Talent verheizt wird. Das Talent soll doch bitteschön im Sommer erst mal richtig trainieren. Maria Riesch nämlich mag keine Konditionsarbeit. Sie sitzt lieber vor dem Fernseher. „Da kommt dann ,Marienhof’ oder ,Gute Zeiten, schlechte Zeiten’, das ist dann wichtiger als Training“, sagt Monika Riesch. „In diesem Sommer muss sie mehr tun.“ Aber Maria Riesch arbeitete später in Neuseeland auch hart mit den Techniktrainern. „Sie ist technisch besser geworden“, sagen die Betreuer. Deshalb will die 19-Jährige jetzt auch im Slalom und Riesenslalom stärker auftrumpfen.

Maria Riesch fährt alle vier Disziplinen, das erhöht ihre Erfolgschancen. Aber auch das Verletzungsrisiko.Monika Riesch, die Mutter, sagt: „Wenn die Maria morgen sagen würde, sie fahre ab sofort keine Abfahrt mehr – ich wäre gottfroh.“

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