Sport : Die Anti-Williams

Kim Clijsters ist bereits das freundliche Gesicht im Frauentennis – nun soll die Belgierin endlich auch eine Bastion brechen

Stefan Hermanns

Paris. Kim Clijsters schaute ein wenig irritiert, als die Blitze zuckten. Es schien, als hätten sämtliche Fotografen ausschließlich auf diesen Moment gewartet. Dabei hatte sie nur gelacht. „Oh“, sagte Kim Clijsters, „dann werde ich jetzt eben nicht mehr lachen“. Aber das war nur eine leere Drohung. Clijsters lacht immer – selbst vor zwei Wochen lachte sie, nachdem sie das Finale der German Open in Berlin gegen Justine Henin-Hardenne verloren hatte. Kim Clijsters ist so etwas wie das freundliche Gesicht des Frauen-Tennis. Dass die Belgierin im Moment auch noch überaus erfolgreich ihrer Profession nachgeht, macht die Sache zusätzlich interessant. Gerade erst hat sie die totale Dominanz der Williams-Schwestern beendet, indem sie sich zwischen Serena und Venus auf Platz zwei der Weltrangliste geschoben hat. Und viele halten es für möglich, dass das noch nicht das Ende ihrer Entwicklung gewesen ist. Man könnte auch sagen: Viele hoffen das.

Die Geschichte des zeitgenössischen Frauen-Tennis ist immer auch die Geschichte vom Duell großer Rivalinnen gewesen: Evert gegen Navratilova, Navratilova gegen Graf, Graf gegen Seles, Seles gegen Hingis, Hingis gegen Venus Williams. Für die Zuschauer hat dies stets den Reiz ausgemacht, und genau das fehlt im Moment. Das Duell der beiden Williams-Schwestern ist nur die väterlich überwachte Light-Version echter Rivalität, und inzwischen gilt Frauen-Tennis als langweilig, weil es so berechenbar geworden ist. In den vier Grand-Slam-Endspielen seit den French Open 2002 hat es keine andere Paarung gegeben als Serena gegen Venus Williams, und Serena, die Jüngere der Beiden, hat inzwischen 30 Grand-Slam- Spiele in Folge gewonnen.

Ob es bis zum Ende der kommenden Woche 35 werden, wird vermutlich von Kim Clijsters abhängen. Die Belgierin gewann gestern in nur 52 Minuten ihr Zweitrundenspiel gegen die Deutsche Marlene Weingärtner 6:2, 6:2. „Ich musste nicht wirklich gut spielen“, sagte Clijsters. Die Belgierin wäre die Idealbesetzung für die Rolle der großen Rivalin von Serena Williams – weil sie in vielem das genaue Gegenteil der US-Amerikanerin ist, die Anti-Williams sozusagen. Clijsters ist nett und umgänglich, offen und immer fröhlich. Im November 2002, im Masters-Finale, hat die Belgierin erstmals gegen Serena Williams gewonnen, und die US-Amerikanerin hat festgestellt, dass sich die Medien immer häufiger mit der Frage beschäftigen, ob die Kluft zwischen ihr und ihren Verfolgerinnen, der Französin Mauresmo und den beiden Belgierinnen Clijsters und Henin, kleiner geworden ist, aber „ich interessiere mich nicht besonders dafür“.

Trotzdem hat die französische Zeitung „Le Figaro“ bereits „die belgische Gefahr“ für Serena Williams ausgerufen. Bisher konnte von echter Bedrohung allerdings keine Rede sein. Kim Clijsters hat selbst zugegeben, dass sich viele Spielerinnen viel zu lange haben einschüchtern lassen von der kraftvollen Art, mit der die Williams-Schwestern auf den Ball eingeschlagen haben. Oft hatten sie im Kopf bereits verloren, bevor sie auf den Platz gingen. Langsam aber legen Spielerinnen wie Clijsters, Henin und Mauresmo ihre übertriebene Ehrfurcht ab. „Die Williams haben das Frauentennis auf ein unglaublich hohes Niveau gebracht“, sagt Clijsters. „Aber wir haben inzwischen auch körperlich zugelegt.“ Dass die Belgierin mit ihrem Freund Lleyton Hewitt, dem Weltranglistenersten der Männer, um die Welt reist, hat ihren Ehrgeiz in dieser Hinsicht nur gesteigert: „Ich will ja nicht immer das kleine schwache Mädchen sein.“

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