Sport : Die Arme laufen weiter

Liane Winter war die schnellste Läuferin der Welt – jetzt fährt sie mit Multipler Sklerose im Handbike

Friedhard Teuffel[Wolfsburg]

Sie war einmal die schnellste Marathonläuferin der Welt, aber heute fallen zuerst ihre Arme auf. Es sind besonders durchtrainierte Arme mit glatter, gebräunter Haut, und an ihnen sieht man Liane Winter am wenigsten ihre 65 Jahre an. Sie schieben einen Gehwagen durch ihre Zwei-Zimmer-Wohnung in Wolfsburg, die Beine schleifen hinterher. Wegen ihrer Arme wird am Sonntag alles fast noch einmal sein wie früher. Liane Winter wird in Berlin 42,195 Kilometer zurücklegen, wie sie es schon oft getan hat. „Ich freue mich so darauf, das können Sie sich gar nicht vorstellen“, sagt sie. Aber weil die Multiple Sklerose ihre Beine fast bewegungsunfähig gemacht hat, bringen sie nun ihre Arme im Handbike durch Berlin, einem Rollstuhl mit drittem Rad und Handpedalen.

„Ich habe Muckis wie eine Preisboxerin“, sagt sie und zupft die Ärmel ihres schwarzen Sporttrikots nach oben. In ihrem Lachen steckt ein bisschen Selbstironie, aber auch jede Menge Stolz. Im vergangenen Jahr war sie zum ersten Mal in Berlin beim Marathon mit dem Handbike unterwegs, nach 2:38:50 Stunden erreichte sie das Ziel. „Es war eine wunderbare Fahrt.“ Aber ihr ist dabei noch etwas aufgefallen: Wie schnell sie früher gelaufen ist – nur dreieinhalb Minuten langsamer war sie als auf Rädern.

In 2:42:24 Stunden gewann Liane Winter 1975 als erste Ausländerin den Boston-Marathon – Weltbestzeit. 50 Marathons bestritt sie bis 1991, aufgegeben hat sie keinen einzigen. Anfang der Neunzigerjahre traten plötzlich Beschwerden auf. Beim heißen Duschen fühlte sich ihr linkes Bein eiskalt an, manchmal durchzuckten sie Schmerzen wie Blitze. Acht Jahre war sie gemeinsam mit den Ärzten auf der Suche nach der Ursache, einer empfahl ihr sogar schon Pflegeversicherung und Elektrorollstuhl. Am Ende dieser Zeit habe sie auf dem Balkon ihrer Wohnung im zwölften Stock gesessen und über Wolfsburg geschaut, erzählt sie. Nicht, dass sie sich etwas hätte antun wollen. „Aber ich war am Ende, totale Sackgasse, ich wusste nicht mehr weiter.“ Eines Tages rauschte ein Arzt in ihr Klinikzimmer und verkündete die Diagnose mit einer Sicherheit, als hätte es von Anfang an nur dieses eine Urteil geben können.

Multiple Sklerose hat Liane Winter als „Krankheit der 1000 Gesichter“ kennen gelernt. Mal kribbelt es in den Beinen, mal kommt es zu Spasmen, mal fühlt es sich an, als stecke sie mit beiden Beinen in einem Sumpf. Nur eines weiß sie, dass sie nie mehr richtig laufen wird. „Es ist, wie wenn die Sicherung durchgebrannt ist.“

Seitdem sie Gewissheit hat über ihre Krankheit, hilft sie sich nur noch selbst. Keine ärztliche Behandlung, keine Medikamente, keine Physiotherapie. Stattdessen Bewegung und gute Ernährung. „Ich bin eine Kräuterhexe“, sagt sie, jede Woche sammelt sie Kräuter, überhaupt ist sie viel unterwegs im Wald mit ihrem Handbike. Dass sie sich selbst versorgt und finanziert, hebe ihr Selbstvertrauen ungemein, sagt sie, und der bequeme Weg habe ihr ohnehin nie etwas gebracht. Vor allem aber hilft ihr die Erinnerung an das, was sie schon alles geschafft hat.

Liane Winter hat in den Sechzigerjahren mit dem Laufen begonnen, als es noch längst keine Mode war, „es war nicht so, dass man bewundert wurde. Wir waren den anderen eher etwas unheimlich.“ Im Trainingsanzug auf die Straße zu gehen, gehörte sich nicht. Liane Winters Ziel war die Natur. „Ich war immer eine Erlebnisläuferin“, sagt sie. Mindestens zehn Kilometer lief sie, wenn sie von der Arbeit kam. Bis zu ihrer vorzeitigen Pensionierung 1999 war sie bei VW als Sachbearbeiterin beschäftigt. „Der Berufsstress war durchs Laufen nicht gelöst, aber ich fühlte mich freier“, sagt sie. Der Marathon habe sie von Anfang an elektrisiert, den ersten bestritt sie 1974 in Husum: in drei Stunden und elf Minuten. Schon bei ihrem dritten lief sie Europarekord: 2:50:45. Das alles schaffte sie ohne Trainer und ohne Trainingspläne – einfach nach Gefühl.

Ihre Eigensinnigkeit hat ihr über alle Widerstände hinweggeholfen, auch über den, als Frau zwischen Männern zu laufen. Da hat sie schon mal Bemerkungen gehört wie: Wenn ich gegen die verliere, hänge ich die Laufschuhe an den Nagel. Ihr Verein VfL Wolfsburg habe sie anfangs gar nicht anmelden wollen, weil der Klub befürchtete, sie liege nach 20 Kilometern erschöpft im Straßengraben, erzählt sie. 1967 war die Amerikanerin Kathrine Switzer in Boston als erste Frau offiziell einen Marathon gelaufen. Sie wurde 1975 hinter Liane Winter Zweite.

Die Erinnerungen an diese Zeit bewahrt Liane Winter in den Schränken ihrer Wohnung auf, in der sie alleine lebt. Ihre liebste Medaille, sagt sie, sei die von ihrem ersten Rennen mit dem Handbike in Berlin. Auf der Strecke rief jemand: „Mensch, guck mal, die Alte da!“ Ein Kompliment, findet sie. „Ein Mal im Jahr Marathon in Berlin, das will ich so lange machen, wie es geht.“

Mit ihrem Sport will sie auch anderen Mut machen und zeigen, dass man mit einer Krankheit wie Multipler Sklerose leben kann und nicht gegen sie leben muss. In den ersten Jahren ihrer Krankheit hat sie noch geträumt, dass sie laufen kann. „Dann bin ich jedes Mal nach dem Aufwachen erschrocken, dass es nicht mehr geht. Mittlerweile träume ich gar nicht mehr davon.“ Das Laufen, sagt sie, fehlt ihr gar nicht mehr so sehr.

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