Sport : „Die Australier sind sehr sauer auf mich“

Herthas kroatischer Nationalspieler Josip Simunic über das Spiel gegen sein Geburtsland in der Vorrunde der WM

-

Herr Simunic, welche Nationalhymne finden Sie schöner: die kroatische oder die australische?

Die kroatische. Weil sie für mich eine größere Bedeutung hat. In ihr stecken tausend Jahre kroatischer Geschichte. Ich bin zwar in Australien geboren und aufgewachsen, aber ich weiß, wo ich herkomme, ich kenne die schwierige kroatische Geschichte, und ich kann nur sagen, dass ich sehr stolz bin, Kroate zu sein.

Am 22. Juni werden Sie beide Hymnen hören. Wenn Sie mit Kroatien auf Australien treffen, könnte das für eine Mannschaft schon das letzte WM-Spiel sein.

Das kann sein. Australien ist ein schönes, ein überragendes Land, ich kenne viele australische Spieler, ich habe sehr viel Respekt vor ihnen – aber für mich muss es ein Spiel sein wie jedes andere.

Das glauben Sie doch selbst nicht!

Dass wir bei der WM auf Australien treffen, ist Zufall. Vielleicht auch Schicksal. Wenn es Schicksal ist, erreichen wir die nächste Runde. Das ist das Schicksal, das ich geträumt habe.

Sie haben von diesem Spiel geträumt?

Ja. Wir haben 1:0 gewonnen.

Der Torschütze hieß nicht zufälligerweise Josip Simunic?

Doch, 91. Minute. Sie werden das jetzt vielleicht nicht glauben: Ich habe wirklich geträumt, dass wir mit Brasilien und Australien in eine Gruppe kommen. Das war zwei oder drei Wochen vor der Auslosung. Einige Journalisten haben mich gefragt, wen ich mir als Gegner wünsche. Ich habe gesagt: Es geht nicht darum, wen ich mir wünsche, ich habe geträumt, dass wir gegen Australien, Brasilien und Serbien-Montenegro spielen. Als Brasilien und Australien in eine Gruppe gelost wurden, wusste ich, dass wir dazukommen.

Australien nimmt zum zweiten Mal nach 1974 an einer WM-Endrunde teil. Was bedeutet die Qualifikation für den australischen Fußball?

Dieser Erfolg war enorm wichtig. Erst seit kurzem gibt es in Australien eine nationale Liga. Das Interesse nimmt jetzt zu, es wird wahrscheinlich mehr Sponsoren geben, die Geld in den Fußball investieren. Vielleicht bleiben dann auch mehr Spieler in Australien und die Liga wird stärker. Australien hat 32 Jahre auf die WM-Teilnahme gewartet, das hat mich wirklich gefreut – aber am 22. Juni wird es leider vorbei sein.

Sie halten nicht viel von der australischen Nationalmannschaft?

Doch. Da sind einige gute Jungs dabei. In den letzten zehn Jahren sind viele Spieler zu großen Vereinen nach Europa gewechselt, mit einigen habe ich in Canberra zusammengespielt: mit Mark Viduka von Middlesbrough, Josip Skoko von Stoke City, Brett Emerton und Lucas Neill von Blackburn. Und gegen Harry Kewell habe ich in der Jugend gespielt. Die australischen Nachwuchsteams waren immer schon gut, aber die Nationalmannschaft hat oft große Probleme gehabt. Das wird sich jetzt ändern. Australien hat eine große Zukunft. Mein früherer Trainer an der Fußballschule in Canberra, Ron Smith, ist jetzt Sportdirektor des Australischen Verbandes. Er war der beste Trainer, den ich je gehabt habe, wirklich überragend. Wenn es solche Leute früher schon gegeben hätte, wäre Australien öfter bei der WM dabei gewesen.

Gibt es an Ihrem Spiel etwas, das australisch ist?

Meine Ruhe auf dem Platz. Selbst wenn man mich beschimpft, verliere ich nicht so schnell die Nerven. Vielleicht bin ich manchmal sogar zu nett. Aber das ist die australische Mentalität. Meine Technik ist kroatisch. Die liegt mir im Blut.

Wie schwer ist Ihnen die Entscheidung gefallen, ob Sie für Kroatien oder Australien spielen?

Die Entscheidung selbst war nicht schwierig, die war eigentlich immer klar. Schon mit sieben, acht Jahren habe ich mich als Kroate gefühlt. Ich bin unter Kroaten kroatisch aufgewachsen. Ich habe für Canberra Croatia gespielt, einen kroatischen Verein, ich habe als Kind die kroatische Sprache und kroatisch tanzen gelernt. Das einzig Schwierige war, dass ich sehr stark unter Druck gesetzt wurde. Ich musste auf den richtigen Moment warten, um die Öffentlichkeit zu informieren. Das war damals ein großes Thema in Australien, weil ich für die Fußballschule am Australian Institute of Sport ein Stipendium bekommen hatte.

Sind Sie in Australien stark angefeindet worden?

Die Australier sind sehr sauer auf mich gewesen. Ich kann das auch verstehen. Sie haben einen sehr guten Spieler verloren. Der Steuerzahler hat meine Fußballausbildung finanziert, und jetzt spiele ich für ein anderes Land. Aber genauso kann man sagen: Andere Spieler, die auf der Fußballschule waren, spielen heute auch nicht für Australien – weil sie gar nicht so weit gekommen sind. So gleicht sich das irgendwie aus. Trotzdem hat die Sache noch ein parlamentarisches Nachspiel gehabt. Meinetwegen ist das Gesetz geändert worden. Alle Spieler, die für das Australian Institute of Sport ein Stipendium bekommen, müssen jetzt unterschreiben, dass sie später für Australien spielen.

Wie groß ist Ihr Patriotismus für Australien?

Ich habe sehr viel Respekt vor Australien. Das Land hat mir viel gegeben. Vielleicht werde ich eines Tages dorthin zurückgehen und wieder dort leben. Aber das weiß ich noch nicht.

Glauben Sie, dass man nur für ein Land Patriotismus empfinden kann?

Man kann auch für zwei Länder Patriotismus haben, aber damit wirst du immer in Schwierigkeiten geraten. Wenn du über das eine Land etwas Positives sagst, wird das andere Land das vielleicht gegen sich auslegen. Ich bin ein großer Patriot – für Kroatien. Meine Eltern waren Kroaten, als sie 1974 nach Australien gekommen sind. Wir waren auch schon vor ein paar hundert Jahren Kroaten. Und genauso werden meine Kinder einmal Kroaten sein. Und deren Kinder.

Wie hätten Ihre Eltern reagiert, wenn Sie sich für Australien entschieden hätten?

Mein Vater hat gesagt, ich soll nur auf mein Gefühl hören. Mein Herz hat entschieden. Ich habe immer davon geträumt, für Kroatien zu spielen, auch als Kroatien noch gar nicht als Staat existiert hat. Wir haben ja erst 1991 unser Land und unseren Namen zurückbekommen. Wenn es nach meinem Verstand gegangen wäre, hätte ich mich für Australien entscheiden müssen.

Warum?

Es war viel schwieriger, für die kroatische Nationalmannschaft nominiert zu werden als für die australische. 1998 hatte Kroatien eine überragende Fußballergeneration. Damals habe ich vier- oder fünfmal eine Einladung zur australischen Nationalmannschaft bekommen. Ich habe jedes Mal abgesagt.

Wie haben Sie 1998 bei der Weltmeisterschaft die große Zeit der kroatischen Nationalmannschaft erlebt?

Ich war damals schon in Hamburg. Vor allem an das Spiel gegen Deutschland, an das 3:0, kann ich mich sehr gut erinnern. Jetzt bekomme ich gerade wieder eine Gänsehaut. Dass so ein kleines Land mit viereinhalb Millionen Einwohnern bei der WM Dritter wird – das war schon etwas Besonderes. Die Kroaten reden noch heute davon. Der Fußball macht den Leuten Mut. Wenn wir bei einem großen Turnier dabei sind, vergessen sie ihre Probleme. Ich habe ein paar Bekannten aus Kroatien Karten für unser erstes Spiel gegen Brasilien besorgt – ich weiß nicht, wie sie die Reise nach Berlin finanzieren wollen. Aber irgendwie schaffen die das. Die wollen dabei sein. Das ist ihr Leben.

Haben Sie sich das Viertelfinale gegen Deutschland zusammen mit Kroaten angesehen?

Hauptsächlich, ja. Ich war bei den Eltern eines Kumpels, die ein kleines Hotel in Norddeutschland haben. Ich habe nicht daran geglaubt, dass Kroatien gewinnt. Damals war ich noch von der deutschen Mentalität überzeugt. Aber ich war der Einzige. Alle anderen haben gesagt: Wir gewinnen hundertprozentig. Dass die Kroaten das geschafft haben – das war Schicksal.

Kurz vor der WM 1998 hat es ein anderes Spiel gegeben, an das Sie sich auch noch gut erinnern müssten: Kroatien gegen Australien.

Das stimmt. In Zagreb. Sieben zu null. Das Spiel habe ich im Fernsehen gesehen.

Haben Sie sich damals über das Ergebnis gefreut?

Ach, das war ja nur ein Vorbereitungsspiel für die WM. Die Saison war für die Australier schon zu Ende, viele waren wahrscheinlich mit ihren Gedanken bereits im Urlaub. Das Ergebnis hatte gar nichts zu sagen. Am 22. Juni wird es bestimmt kein 7:0 werden.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Ingo Schmidt-Tychsen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben