Sport : Die Bank von Deutschland

Tim Borowski hat sich als Einwechselspieler um den Erfolg der Nationalmannschaft verdient gemacht

Stefan Hermanns

Berlin - Die deutsche Öffentlichkeit hat im Moment das große Glück, den deutschen Sportjournalisten bei der Arbeit zuzuschauen. Jeden Mittag um halb eins wird die Pressekonferenz der Fußball-Nationalmannschaft live im Fernsehen übertragen, und wahrscheinlich hat sich die deutsche Öffentlichkeit schon ein wenig gewundert über die deutschen Sportjournalisten und ihre lasche Berufsauffassung. Zweimal, vor den Spielen gegen Schweden und Argentinien, haben sie es jetzt bereits versäumt, Jürgen Klinsmann nach der mutmaßlichen Aufstellung zu fragen. Das war ja ein beliebtes Ritual, dass die Journalisten ihre diesbezüglichen Fragen über geschwungene Pfade schickten und Klinsmann der Bundestrainer dann auf sehr direktem Wege sagte, dass er wie immer nichts sagen werde. Muss er aber auch nicht mehr. WM ist, wenn für Deutschland immer dieselben elf Spieler spielen – und Mitte der zweiten Halbzeit Tim Borowski eingewechselt wird.

Der Bremer hat in allen fünf Spielen dieser Weltmeisterschaft auf dem Platz gestanden, jedoch nur zur Auftaktbegegnung gegen Costa Rica, als Michael Ballack verletzt fehlte, auch schon beim Anpfiff. In der 72. Minute wurde er ausgewechselt. Das ist so etwas wie die typische Borowski-Zeit. Viermal wurde der Mittelfeldspieler bisher eingewechselt: gegen Polen in der 77. Minute, gegen Ekuador in der 66., gegen Schweden in der 72. und gegen Argentinien in der 74. „Ich habe mich mit der Rolle des zwölften Mannes abgefunden“, sagt Borowski.

Trotzdem könnte Jürgen Klinsmann heute mal wieder eine Frage zur Aufstellung zu hören bekommen, und möglicherweise kommt Borowski in dieser Frage vor: Ob der Bremer nach seinem Auftritt im Viertelfinale gegen Argentinien nicht verdient habe, auch einmal von Anfang an zu spielen. Joachim Löw, Klinsmanns Assistent, hat gestern schon einmal vorsorglich verkündet: „Wir wollen die Taktik nicht verraten.“ Was zumindest darauf schließen lässt, dass es eine neue Taktik geben könnte, denn die alte müssten auch die Italiener inzwischen kennen.

Eigentlich stellt sich die Situation recht einfach dar: Bastian Schweinsteiger hat der deutschen Mannschaft mit seiner kleinlichen Art des Fußballs zuletzt wenig helfen können. Borowski spielt ganz anders, er denkt gewissermaßen in größeren Dimensionen. Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, hat die Terminologie des Fußballs vor kurzem um einen Fachbegriff aus dem Italienischen bereichert. In Italien würde man einen Spieler wie Borowski als einen geometrischen Spieler bezeichnen. Vermutlich ist ein geometrischer Spieler jemand, der vertikale Pässe spielen kann. Und obwohl Jürgen Klinsmann vertikale Pässe schätzt wie sonst nur die Achtung seiner Privatsphäre, hat er für den Vertikalpass-Experten Borowski bisher wenig Verwendung gehabt. „Ich habe in der Vorbereitung versucht, die Trainer zu überzeugen, dass ich auch ein Kandidat für die erste Elf bin“, sagt der Bremer.

Er hat es nicht ganz geschafft. Doch Borowski ist zumindest Klinsmanns erste Einwechseloption. „Wenn ich reinkomme, versuche ich, die Mannschaft noch einmal zu puschen“, sagt der 26-Jährige. Gegen Argentinien war er kaum auf dem Feld, da spielte er einen Pass, den Klinsmann wohl als ziemlich vertikal durchgehen lassen würde. Leider prallte der Ball Miroslav Klose an die Hacke. Zehn Minuten vor Schluss aber verlängerte Borowski eine Flanke von Michael Ballack mit dem Kopf zu seinem Bremer Kollegen Klose, die der dann zum 1:1 veredelte. Borowski trat später auch zum Elfmeterschießen an und verwandelte wie alle anderen deutschen Spieler sicher. „Ich habe im Moment viel Selbstvertrauen und fühle mich gut“, sagt er.

Christoph Metzelder, der Innenverteidiger der Nationalmannschaft, hat gestern angemerkt, „dass wir in zwei Spielen letztendlich den Sieg eingewechselt haben“. Gegen Argentinien war das und beim 1:0 gegen Polen, als der Siegtreffer einer Zusammenarbeit der beiden Ersatzspieler Odonkor und Neuville entsprang. „Normalerweise ist es schwer reinzukommen“, sagt Tim Borowski. „Aber das ist im Moment schon eine Stärke von mir.“ So überzeugend hat schon lange kein Fußballer mehr dafür argumentiert, dass er das Spiel besser auf der Bank beginnt.

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