Sport : Die Barbiere von Slowenien

Die deutschen Handballer lassen Trainer Brand nach dem EM-Gewinn nicht ungeschoren davonkommen

Klaus Rocca

Ljubljana. Als den deutschen Handball-Nationalspielern ihre Goldmedaillen für den Gewinn der Europameisterschaft schon um den Hals hingen, wartete auf einige noch eine Prüfung – eine kleine Frisörprüfung. Christian Zeitz zum Beispiel machte seine Sache als Barbier gut. Den Rasierapparat in die Hand genommen, und schnell hatten Henning Fritz, Jan-Olaf Immel, Mark Dragunski und Klaus-Dieter Petersen kein Haupthaar mehr. Derweil schmetterten die anderen, Flaschen mit slowenischem Bier in der Hand, in der Kabine der Tivoli-Halle von Ljubljana fröhliche Lieder. Es wirkte dennoch alles ein wenig verhalten. Vielleicht, weil die Zeit drängte, das Bankett im Grand Hotel hätte schon längst beginnen sollen. Die Nacht nach dem Sieg sollte ohnehin kurz werden. Schon um sieben Uhr morgens ging der Flieger in die Heimat.

Außerdem war da noch der Schnauzbart, von dem in diesen Tagen immer wieder die Rede war. Konnte der etwa ungeschoren davonkommen? Mitnichten. Am späten Abend erwischte es Trainer Heiner Brand im Friseursalon des Hotels. Doch nicht einfach so mit dem Rasierapparat, nein, die Rasur wurde förmlich zelebriert. Ein Rasierklingen-Hersteller wollte das Zeremoniell bestimmen, auch Stefan Kretzschmar baute sich mit Klinge vor seinem Trainer auf. Der machte lächelnd mit. Schließlich hatte er vorher gesagt, er würde sich gern von seinem Markenzeichen trennen, wenn die Deutschen den Titel gewinnen.

Der Ernstfall, der für ihn und seine Spieler ein Glücksfall wurde, war nach dem 30:25 gegen Gastgeber Slowenien eingetreten. Davor hatte Brand noch in der Kabine der Tivoli-Halle die Glückwünsche von Tone Tiselj empfangen, dem Trainer der Slowenen. „Er ist einer der besten Trainer der Welt“, sagte Tiselj immer wieder. Das ist eigentlich nichts Überraschendes. Denn wer eine Mannschaft zum EM-Titel führt, dem darf man dieses Attribut getrost anheften. Eine Europameisterschaft kommt schließlich fast dem Status einer Weltmeisterschaft gleich. Und Brand hat die deutschen Handballer nun bei den letzten drei großen Turnieren, ob auf europäischer oder globaler Ebene, ins Finale geführt. Jetzt sogar zum Gold. „Wir wissen, was wir an ihm haben“, sagt Ulrich Strombach, der Präsident des Deutschen Handball-Bundes. Weil der Verband Brands Fähigkeiten so hoch schätzt, hat er kürzlich seinen Vertrag bis 2008 verlängert.

Brand hatte das Amt 1997 vom glücklosen Arno Ehret übernommen. Der jetzige Bundestrainer sieht nach den Olympischen Spielen in Athen schwere Zeiten auf sich zukommen: „Da könnte es sehr bitter für den deutschen Handball werden.“ Weil Leistungsträger wie Kretzschmar, Schwarzer und Zerbe ihre Karriere in der Nationalmannschaft dann beenden und der Nachwuchs noch nicht so weit ist, um die Lücken zu füllen.

Doch Brand, 1978 als Spieler Weltmeister und laut Vlado Stenzel einst einer der besten Abwehrspieler der Welt, hat schon zu viele Tiefpunkte hinter sich, als dass er vor der Zukunft Angst hätte. Der neunte Platz bei der EM 2000 war so einer. Da bröckelte ein wenig von dem Glanz, der ihn umgeben hatte.

Brand steht ungern im Mittelpunkt und er mag eigentlich auch die nicht, die gern im Mittelpunkt stehen. Eine Ausnahme macht er bei Kretzschmar. Weil er vielleicht der weltbeste Linksaußen ist. „Aber auch, weil er die Medien meist von uns fern hält“, sagt Brand lächelnd. Nach dem Sieg standen sie beide im Mittelpunkt. Kretzschmar mit Rasierklinge und Brand auf einmal ohne Bart.

Psychologisches Geschick ist Brand allemal zu bescheinigen. Wobei er Respektsperson und Kumpel gleichermaßen ist. „Er lässt uns an der langen Leine“, sagt Torwart Henning Fritz. Eigenverantwortung, das ist eines der Lieblingswörter des 51-Jährigen. Und er habe einen „sensationellen Teamgeist“ hergestellt, sagen andere. Wahrscheinlich kam alles zusammen in Slowenien. Auch des Trainers taktisches Geschick, beim Einwechseln etwa und bei der Auswahl der Torhüter. „Er hat eben ein goldenes Händchen“, sagt Andreas Thiel, der frühere Weltklasse-Torhüter. Brand vernahm es und strich sich ein wenig verlegen über den Bart. Seit gestern kann er das nicht mehr.

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