Sport : Die Bauern laufen spät

Kramnik gewinnt zweite WM-Partie, übersieht aber eine frühere Siegchance

Martin Breutigam

Schachexperten rätseln über die spektakulären, aber ungewohnt fehlerreichen Partien im WM-Duell zwischen Wladimir Kramnik und Wesselin Topalow im südrussischen Elista. „Kramnik hat überhaupt noch keinen Vorteil demonstriert“, wundert sich der legendäre Altmeister Viktor Kortschnoi. Dennoch führt der Russe vor der dritten Partie mit 2:0.

Topalow – Kramnik (2. WM-Partie): 1.d4 d5 2.c4 c6 (Damengambit, slawisches System.) 3.Sc3 Sf6 4.Sf3 dxc4 5.a4 Lf5 6.e3 e6 7.Lxc4 Lb4 8.0–0 Sbd7 9.De2 Lg6 10.e4 0–0 (Der Bauernraub 10...Lxc3?! 11.bxc3 Sxe4 12.La3 gilt als zu gefährlich.) 11.Ld3 Lh5 12.e5 Sd5 13.Sxd5 cxd5 14.De3 Lg6 15.Sg5 Te8 16.f4 (Typisch für Positionen mit dem Raumvorteil sichernden Bauern e5: Weiß leitet mit f4-f5 den Angriff ein.) 16...Lxd3 17.Dxd3 f5 18.Le3 Sf8 19.Kh1! (Macht Platz für den Turm, der auf der g-Linie Druck machen soll.) 19...Tc8 20.g4! Dd7 (Andere Züge sind zweitklassig, z. B. 20...h6?! 21.Sxe6! Txe6 22.gxf5, mit Angriff.) 21.Tg1 Le7 22.Sf3 (Auch hier kam 22.Sxe6!? Dxe6 23.gxf5 in Betracht.) 22...Tc4 23.Tg2!? (Kümmert sich nicht um den a-Bauern.) 23...fxg4 24.Txg4 Txa4 25.Tag1 g6 26.h4 (Wer kommt zuerst: Topalow am Königs- oder Kramnik am Damenflügel?) 26...Tb4 27.h5 Db5 28.Dc2! (Nicht 28.Txg6+?? hxg6 29.Txg6+ Kf7!) 28...Txb2 (Vorsichtiger war 28...Tb3!, was bei Bedarf die Verteidigung ...Dd3 ermöglicht.) 29.hxg6!! (Dieses Damenopfer muss Kramnik bringen, denn 29...Txc2?? 30.gxh7+ führt zum Matt, z. B. 30...Kxh7 31.Tg7+ Kh6 32.f5+ Kh5 33.f6 De2 34.T1g5+ Kh6 35.Tg3+ Dxe3 36.Th3.) 29...h5 30.g7! hxg4 (Das Einzige angesichts 30...Sh7? 31.Dg6 bzw. 30...Txc2? 31.gxf8D+ Kxf8 32.Tg8+ Kf7 33.T1g7 matt.) 31.gxf8D+ Lxf8?? (Erstaunlicherweise übersieht Kramnik das nun mögliche Matt. Notwendig war 31...Kxf8! 32.Dg6 De2, und Topalow könnte sich aussuchen, ob er ein ewiges Schach bietet oder mit 33.Dxg4 Lg5!! Gewinnversuche unternimmt.) 32.Dg6+?? (Nicht zu fassen! Sofort gewonnen hätte 32.Txg4+ Lg7 33.Dc7! Df1+ 34.Sg1.) 32...Lg7 33.f5 (Plant 33...exf5? 34.Lh6 Dd7 35.Sg5!) 33...Te7! 34.f6 De2! 35.Dxg4 Tf7 36.Tc1 (Computer sehen Weiß nach 36.Dh5! mit der Idee Tg1–g3 klar im Vorteil; zumal 36...Dxe3? an 37.Sg5 scheitert.) 36...Tc2 37.Txc2 Dd1+! 38.Kg2 Dxc2+ 39.Kg3 De4 40.Lf4 (Wohl gerade noch Remis halten könnte Schwarz nach 40.Dxe4 dxe4 41.Sg5 Lf8!, z.B. 42.Sxe6! b5! 43.Sg5 b4 44.Sxf7 Kxf7 45.d5 b3 46.Ld4 La3 47.e6+ Kf8 und ...b2.) 40...Df5 41.Dxf5 exf5 42.Lg5? (Danach wendet sich das Blatt; noch zum Remis führte 42.Sg5! Txf6! 43.exf6 Lxf6 44.Sf3 Kf7 und ...a5. Nun jedoch laufen Kramniks Bauern.) 42...a5 43.Kf4 (Oder 43.fxg7 Txg7 44.Kf4 a4 45.Sd2 a3 46.Sb3 a2 47.Kxf5 Kf7 nebst Th7-h1.) 43...a4 44. Kxf5 a3 45.Lc1 (Das Endspiel ist gewonnen für Schwarz, auch nach 45.Sd2 a2 46.Sb3 Tc7 47.e6 Lxf6!) 45...Lf8 46.e6 Tc7 47.Lxa3 (Oder 47.e7 Lxe7 48.fxe7 Txe7 49.Lxa3 Te3.) 47...Lxa3 48.Ke5 Tc1 49.Sg5 Tf1 50.e7 Te1+ 51.Kxd5 Lxe7 52.fxe7 Txe7 53.Kd6 Te1? (Nur 53...Te3! gewann, zeigen die sogenannten Tablebases an, auf denen perfekt ausanalysierte Endspiele mit maximal sechs Steinen gespeichert sind.) 54.d5 Kf8 55.Se6+? (Und hier soll laut Tablebases 55.Kd7! remis halten, z. B. würde nach 55...b5 56.Se6+ Kg8 57.Kc6 b4 58.Sd4 klar, weshalb der Turm auf e3 besser stünde als auf e1: dann gewänne 58...b3 .) 55...Ke8 56.Sc7+ Kd8 57.Se6+ Kc8 58.Ke7 Th1! 59.Sg5 b5 60.d6 Td1 61.Se6 b4 62.Sc5 Te1+ 63.Kf6 Te3 – 0:1.

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