Die Bayern 2010 : Totaalvoetbal made in Bavaria

Mit typisch holländischer Offensive spielt sich Spitzenreiter Bayern München beim 7:0 gegen Hannover in einen Rausch und begeistert seine Fans in der Allianz-Arena.

Thomas Becker
Verliebt in Bayern. Der dreifache Torschütze Arjen Robben und das Münchner Publikum zeigen sich ihre Zuneigung. Foto: ddp
Verliebt in Bayern. Der dreifache Torschütze Arjen Robben und das Münchner Publikum zeigen sich ihre Zuneigung. Foto: ddpFoto: ddp

Uli Hoeneß machte mit, Helmut Markwort auch und noch 68.000 andere Bayern-Fans. Nur der Rest-Vorstand mit Aufsichtsrat-Boss Karl-Heinz Rummenigge und Finanzchef Karl Hopfner wollte offenbar kein Tor verpassen und blickte schon wieder gebannt aufs Spielfeld, als die Welle der Begeisterung durch die Münchner Arena der guten Laune rollte.

Das tat sie oft an diesem rauschhaften 7:0-Abend gegen Hannover 96, und das in einem Stadion, das noch nie als Hexenkessel gegolten hat, mit einem Publikum, das seit der Kaiser-Zeit als eher hingabefreies Opern-Publikum galt. Die Zeiten sind vorbei. Seit einer Weile regiert bei Heimspielen des FC Bayern der Rausch, und das viele Monate vorm Oktoberfest. Schuld daran ist ein passionierter Rotweintrinker aus Holland: Louis van Gaal. Er sagt: „Wir machen die Leute glücklich.“

Bayerns Trainer predigt weder Wasser noch Wein, sondern: Offensive. Obwohl bereits am Mittwoch ein Champions-League-Halbfinale ansteht, gaben die Bayern gegen die bemitleidenswerten Defensivverweigerer aus Hannover Vollgas bis zur letzten Sekunde und zeigten, dass sie van Gaals Ideal vom offensiven Spiel immer besser verinnerlichen. Totaalvoetbal à la Rinus Michels. Spektakel von Minute eins bis neunzig. Keine Spur mehr vom Verwaltungsfußball früherer Jahre. Auch das unansehnliche Ballgeschiebe des Krisenherbsts scheint Jahrhunderte her zu sein. Nie war innerhalb einer Saison so viel Entwicklung beim FC Bayern zu sehen – und das sonst eher sparsame Volk jubelt dazu.

Da macht Louis van Gaal doch gleich mal mit: „Es war wunderbar. Heute war es Spaß auf dem Rasen, im Stadion und auch für den Trainer. Wir hätten noch viel mehr Tore machen können. Aber sieben ist ausreichend.“ Klingt nach einer Note 4 plus, ist aber nicht so streng gemeint. Ein 7:0 ist van Gaal durchaus geläufig: Eines seiner ersten Spiele als Coach von AZ Alkmaar gegen RBC Roosendaal endete mit demselben Ergebnis. Ob das gegen Lyon gleich noch mal gelingt? „Ich hoffe das. Aber ich glaube nicht“, sagte van Gaal schmunzelnd. Und um eine kleine Eloge auf den wieder einmal überragenden dreifachen Torschützen Arjen Robben kam der Trainer nicht herum: „Es ist unglaublich, was er in dieser Saison leistet. Er macht viele, entscheidende und sehr attraktive Tore, eins schöner als das andere.“

Hinweise darauf, dass das Spiel am Mittwoch eine ganz andere Partie in einem ganz anderen Wettbewerb ist, konnte er sich diesmal sparen – das hat mittlerweile sowieso jeder verinnerlicht. Bis auf Philipp Lahm („Wir haben immer noch nichts gewonnen“) waren nicht allzu viele Euphoriebremser unterwegs. Doppel-Torschütze Ivica Olic frohlockte: „Unglaublich! 7:0, viele Tore, viele Chancen, viel Spaß. Wir sind bereit für Mittwoch!“ Auf die Frage, ob man sich nicht besser ein paar Treffer für das Champions-League-Halbfinale gegen Olympique Lyon aufgespart hätte, antwortete Bastian Schweinsteiger schlagfertig: „Haben wir doch. Wir hätten doch noch mehr Tore machen können, wenn wir gewollt hätten.“

Sogar der stets bedacht und konzentriert formulierende Wellen-Verweigerer Karl-Heinz Rummenigge ließ sich tatsächlich zu einem Scherz hinreißen. Angesprochen auf die Bedeutung des Kantersiegs für den Titel-Zweikampf gegen den ebenfalls siegreichen Verfolger FC Schalke 04 sagte er: „Es gab da mal einen Spot eines Schalker Sponsors: Nur gucken, nicht anfassen! Damit ist doch alles gesagt.“

Die Bayern in dieser Form und mit dieser Euphorie haben eine Hand schon an der Schale.

2 Kommentare

Neuester Kommentar