Sport : „Die Bedrohung ist deutlich spürbar“

Trainer Daum über sein Leben in Istanbul nach den Anschlägen

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Herr Daum, wie haben Sie die Anschläge in der Türkei erlebt?

Die Detonation ereignete sich etwa fünf Kilometer von uns entfernt. Wir wohnen auf der asiatischen Seite Istanbuls. Gegen elf Uhr hörte ich einen Knall. Ich schaute aus dem Fenster und sah eine große Rauchwolke.

Fühlen Sie sich sicher in Istanbul?

Für uns ist das eine deutlich spürbare Bedrohung. Das Leben und die Mobilität in der Stadt sind eingeschränkt. Man sieht die Sicherheitsmaßnahmen durch Polizei und Militär, die Fahrzeug-Kontrollen. Man merkt, dass es eine absolute Sicherheit nicht gibt.

Wie reagieren die Menschen darauf?

Aus Sicht der Istanbuler gelten die Anschläge nicht der Türkei, sondern der Demokratie und der westlichen Welt. In Istanbul leben 18 Millionen Leute. Die überwiegende Mehrheit ist weltlich eingestellt. Fundamentalismus oder religiöser Eifer ist kaum spürbar. Istanbul ist im Prinzip wie Paris, London oder Berlin – eine multikulturelle Weltstadt. Wir leben hier ja nicht hinter dem Mond.

Fühlen sich die Türken von Europa falsch verstanden?

Einige Politiker in Deutschland haben geäußert, dass diese Anschläge ein Hindernis dafür seien, dass die Türkei zur Europäischen Union gehören kann. Das sind höchst fragwürdige Aussagen bei der ganzen Zerstörung hier und den vielen Opfern. Viele Türken können die europäische Diskussion nicht nachvollziehen – das gilt auch für die Absagen einiger Europapokal-Spiele, etwa der Partie Galatasaray gegen Juventus Turin.

Herr Daum, Sie identifizieren sich mit ihrer türkischen Umgebung. Wir haben gehört, Sie wollen sogar türkischer Staatsbürger werden.

Also, ich möchte nicht in die Türkei auswandern oder so, sondern nur zu meiner deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft annehmen. Ich will damit zum besseren Verständnis zwischen Türken und Deutschen beitragen. Ich lebe lange genug hier, um sagen zu können, dass es kaum Unterschiede gibt, ob man in Köln lebt oder in Istanbul.

Sind Sie Deutschlands überdrüssig?

Verdruss würde ich das nicht nennen. Aber die Frage muss erlaubt sein, wie toll die Situation in Deutschland derzeit ist. Als Bürger gefallen mir einige Dinge nicht: politische Blockaden oder der leidende Arbeitsmarkt.

Wie leben Sie in Istanbul?

Ich habe mich nicht in einer Ausländer-Siedlung einkaserniert. Ich wohne in einem türkischen Viertel, gehe mit türkischen Freunden aus. Ich habe mich auf das Land eingelassen. Ich bin quasi das Gegenstück zu vielen Türken, die in Deutschland unter sich bleiben.

Wie muss man sich Ihre Arbeit bei Fenerbahce Istanbul vorstellen?

Die Sprache ist kein Problem. Ich lerne Türkisch. Ich bin nicht als Besserwisser hier, sondern auch als Lernender. Noch läuft die Kommunikation aber in Deutsch und Englisch.

In türkischen Fußball-Stadien gibt es oft Aggressionen. Wie kommen Sie damit zurecht?

In Sachen Aggression sollte man vorsichtig sein. Soweit ich weiß, waren es deutsche Hooligans, die den französischen Polizisten Daniel Nivel beinahe totgeschlagen haben.

Im Länderspiel der Türken gegen die deutsche U-21-Mannschaft gab es massive Zwischenfälle. Dort sollen deutsche Spieler sogar von türkischen Polizisten geschlagen worden sein.

Das verurteile ich. Spieler zu attackieren oder mit Gegenständen zu bewerfen gehört nicht in ein Stadion. Die Seele der türkischen Fans kocht leider oft über. Der Nationalstolz ist in diesem Zusammenhang viel zu hoch.

Ist der Stolz stärker als der Wille, sich international zu integrieren?

Die Türkei will irgendwann eine Fußball-Europameisterschaft ausrichten. Mit derart negativen Dingen wird das schwer zu realisieren sein. Vielen ist das offenbar nicht klar.

Das Gespräch führte Kay Auster.

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