Sport : Die Bewerbung und die Stasi

Der Chef der Leipziger Olympiagesellschaft, Dirk Thärichen, diente einst in einem Wachregiment Erich Mielkes

Robert Ide

Berlin. Am Samstagvormittag hatte Dirk Thärichen eine Menge zu tun. Der Geschäftsführer der Leipziger Olympia-Gesellschaft saß in seinem Büro und blätterte seine Stasi- Akte durch, um entlastendes Material in eigener Sache zu finden. Danach versuchte er, das Schlimmste für die deutsche Bewerbung um Olympia 2012 zu verhindern: eine Stasi- Affäre. „Ich war kein Mitarbeiter der Staatssicherheit“, sagte Thärichen am Nachmittag dem Tagesspiegel. Am frühen Abend eilte dann Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee seinem Mann im Bewerbungskomitee öffentlich zu Hilfe. Auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz stellte er fest: „Herr Thärichen war kein Inoffizieller Mitarbeiter oder Offizier der Staatssicherheit.“ Doch da hatte sich der Stasi-Verdacht längst über die Bewerbung gelegt, da gab es längst Rücktrittsforderungen und Spekulationen über die baldige Einsetzung eines weiteren Geschäftsführers.

Fest steht: Dirk Thärichen hatte in den letzten Monaten der DDR beim Stasi-Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ angeheuert. In der Eliteeinheit des Ministeriums für Staatssicherheit wollte er einen dreijährigen Wehrdienst ableisten. Als auf Leipzigs Straßen die Menschen für Freiheit demonstrierten, schwor Thärichen im September 1989 seinen Fahneneid und verpflichtete sich, „als Angehöriger des Ministeriums für Staatssicherheit die Feinde des Sozialismus auch unter Einsatz meines Lebens zu bekämpfen“.

Stasi-Experten bewerten den Fall eindeutig: Für sie war Thärichen aktiv für die Stasi tätig. Die Wacheinheit „Feliks Dzierzynski“ war direkt Stasi-Minister Erich Mielke untertellt; sie war für die Niederschlagung von Aufständen und die Bewachung von wichtigen Stasi-Objekten zuständig. „Ein Mitglied dieses Wachregiments ist für eine so sensible Funktion, bei der es um die internationale Reputation Deutschlands geht, nicht geeignet“, sagte Sachsens Stasi-Beauftragter Michael Beleites der Tageszeitung „Die Welt“, die am Samstag über den Fall berichtet hatte. Der Berliner Stasi-Forscher Hubertus Knabe ergänzt: „Wer sich als Zeitsoldat beim Ministerium für Staatssicherheit angedient hat, der hat eine Menge mehr geleistet als einen normalen Wehrdienst.“

Muss nun Dirk Thärichen zurücktreten, um Schaden von der Leipziger Bewerbung abzuwenden? Er selbst sieht dazu keinen Grund. „Ich habe nur unsere Kaserne in Leipzig bewacht; im Januar 1990 wurde ich aus dem Regiment entlassen“, berichtet Thärichen. Auch im Bundestag ist man noch zurückhaltend. „Wir müssen uns erst in Ruhe anschauen, was Herr Thärichen gemacht hat, bevor wir über Konsequenzen reden“, sagte die SPD-Sportsprecherin Dagmar Freitag auf Nachfrage. Das Nationale Olympische Komitee war am Samstag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Erst vor einem Jahr hatte es bei führenden Leipziger Sportfunktionären Aufregung um Stasi-Verstrickungen gegeben. Kurz vor der Eröffnung des Deutschen Turnfestes im Mai 2002 entließ der Deutsche Turner-Bund den Chef-Organisator Volker Mattausch. Er war 1987 an der Organisation des DDR-Turnfestes beteiligt und dabei auch als Reserveoffizier bei der Nationalen Volksarmee tätig – mit geheimdienstlichen Aufträgen. Mit gefälschten Pässen reiste er einst in den Westen und warb Spitzel an.

Nun wirft die Debatte um Thärichen wieder ein schlechtes Licht auf Leipzig. Am Samstag wurde zusätzlich bekannt, dass auch Jochen Lohse vom Förderverein „Wirtschaft für Leipzig“ von der Stasi als Inoffizieller Führungsoffizier geführt wurde. Dirk Thärichen ist sich jedoch sicher: „Unsere Bewerbung wird keinen Schaden nehmen.“

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