Sport : Die bittere Strafe, weil "einmal einer pennt"

MARTIN HÄGELE

BRÜGGE .Diesmal tanzte die First Lady nicht mit dem Trainer um den Bus.Und sie gab der VfB-Mannschaft auch nicht eine Nacht freien Ausgang, wie Margit Mayer-Vorfelder das nach der letzten Runde im UEFA-Cup und einem Telefonat mit ihrem Mann Gerhard spontan getan hatte.Zur Wiederholung des "Wunders von Rotterdam", wie der 3:0-Sieg seither in Stuttgart heißt, haben dem Bundesligaklub beim FC Brügge allerdings nur sechs Minuten gefehlt."Ein einziges Mal hat einer gepennt", so Trainer Winfried Schäfer, "und dann wirst du so bitter bestraft".

Der 22jährige Sreto Ristic wird sich wohl noch oft fragen, warum er in der 25.Minute der Verlängerung nicht mit nach vorn gerannt ist aus der Abwehrmauer, um einen der letzten belgischen Angriffsversuche im Abseits landen zu lassen.So aber flog der Freistoßball vor die Stirn von Ilic, der aus zwei Metern Entfernung vorm verlassenen Tor keine Mühe hatte - 3:2."Rille", wie der Jugoslawe, der so schön schwäbisch schwätzt, von seinen Kollegen genannt wird, hatte die taktische Falle der Mannschaft aufgehoben, weil er nicht aufs Kommando von Kapitän Frank Verlaat reagierte.Was der Junge hinterher alles abgekriegt hat von den Kameraden, war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.Im Umkleideraum sei einiges passiert, der Frust sitze tief, hat Fredi Bobic erzählt.Wenn man "wegen so einem beschissenen Tor" eine Niederlage verarbeiten müsse, "die vielleicht die bitterste meiner Karriere war."

"Belgisch-Duitse thriller", stand als Balken-Überschrift im "Allgemeen Dagblad", der größten Zeitung in Holland.Was wären das für Geschichten gewesen über den Kampfesmut von achteinhalb Schwaben, nachdem Thiam und Djordjevic mit gelb-rot ausgeschlossen worden waren, und Spanring nach einem Zusammenprall allenfalls mit halber Kraft humpeln konnte.Wenn der neue niederländische Bondscoach Frank Rijkaard seinen ehemaligen Ajax-Kollegen am Fernsehen gesehen hat, dann muß er Frank Verlaat ins Oranje-Team gegen Deutschland (18.November in Gelsenkirchen) berufen.Und Bobic ist nach dem 2:2 nicht nur deshalb mit erhobenem Zeigefinger abgedreht, weil er die internen Kritiker aus der Klubführung widerlegt hat - es kann sich auch um eine Rückmeldung bei DFB-Teamchef Erich Ribbeck gehandelt haben.

Und der "Rote Winni" - hätte man ihn in Cannstatt seliggesprochen nach einem der größten Coups in der 105jährigen Historie des Brustring-Klubs? Nun aber stand er da, als sei er selbst die 120 Minuten mitgerannt, und versuchte verzweifelt, den Trotz und Stolz in seiner Brust gegen Wut und Ärger gewinnen zu lassen."Das war eine Niederlage im Europacup, aber ein Sieg für die Mannschaft und die Moral".Nirgendwo wird im Leben mehr gelogen als an offenen Gräbern und beim Fußball vor geschlossenen Kabinentüren.Es könnte nämlich, und dies ist die Kehrseite der Legende aus dem Jan Breydelstadion, die VfB-Karre jetzt erst recht in die andere Richtung laufen.Weniger wegen der belgischen Schläge auf die Wade von Akpoborie, das Schienbein Spanrings, das Sprunggelenk Kellers und Bobics Muskelfaserriß im Oberschenkel.Weitaus mehr schmerzen die psychischen Verletzungen.War das womöglich nur das letzte Aufbäumen einer Mannschaft, der einst eine große Zukunft prophezeit worden ist?

Sie müßten möglichst schnell ihre Wunden lecken, meinte Fredi Bobic.Das nächste Bundesliga-Programm sei schwer genug.Wenn es erst nach Leverkusen, Freiburg und gleich zweimal nach München zum FC Bayern (Punkt- und Pokalspiel) geht, kann sich jener VfB-Teamgeist beweisen, den Schäfer aus dem belgischen Rasen steigen sah.Oder war dies alles nur ein Reflex, wie er deutschen Mannschaften schon immer, und dem VfB besonders nachgesagt worden ist? Der nur in der Not funktioniert, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht? Warum rannten und spielten sich die VfB-Profis erst dann in Euphorie, als sie zweieinhalb Mannesstärken weniger zur Verfügung hatten?

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