Sport : Die böse und die gute Überraschung

Andreas Dittmer verpasst das Gold, das der Zweier-Canadier holt

Frank Bachner[Athen]

Es war ein letztes Aufbäumen. Andreas Dittmer legte seinen Oberkörper so, dass er fast parallel zum Boot lag, er stach das Paddel weit vorne ein, er zog es mit ganzer Kraft zurück. So hatte er viele seiner Rennen gewonnen. Mit dieser unbändigen Kraft auf den letzten Metern. In den vergangenen fünf Jahren zog sich Andreas Dittmer im Einer-Canadier auf den letzten Metern der 1000-m-Strecke immer noch nach vorne auf Platz eins. Bis gestern. Bis aufs olympische Finale. Ausgerechnet hier erlitt Andreas Dittmer seine erste Niederlage nach einer fünfjährigen Siegesserie. Der Spanier David Cal war eine halbe Sekunde schneller. Dittmer war die sicherste Goldbank des Deutschen Kanuverbands.

Es war der Tag der Sensationen hier auf der Ruder- und Kanustrecke in Athen. Denn eine Stunde nach Dittmer schob sich der deutsche Zweier-Canadier mit Christian Gille und Tomasz Wylenzek nach 1000 Metern hartem Kampf als Erste über die imaginäre Ziellinie. Jenes Duo, das sich in mutigen Träumen Bronze ausgerechnet hatte. „Das ist der Wahnsinn. Wenn mir vor dem Start jemand gesagt hätte, dass ich gleich Gold gewinne, hätte ich ihn nur überaus komisch angeschaut“, sagte Gille. Kurz darauf gewann dann auch noch der deutsche Kajak-Vierer der Männer Silber.

Ob Andreas Dittmer das in irgendeiner Form ein Trost war, weiß man nicht. Dittmer war nach dem Rennen einfach abgetaucht. Aber er verlor mit Größe. „Der Spanier hatte verdient gewonnen, er war heute einfach der Bessere“, sagte er. Er hatte diese Strecke jahrelang dominiert. Aber gestern legte der Spanier Cal von vornherein ein hohes Tempo vor. Dittmer kam zwar näher, aber Cal hielt durch.

Bei Christian Gille vermischte sich nach dem Sensationssieg kurz Trauer mit der Freude über Gold. Er trug einen Trauerflor, er wollte damit des vor kurzem mit 38 Jahren an Leukämie verstorbenen früheren Weltklasse-Kanuten Thomas Zereske gedenken. Gille fuhr früher zusammen mit Zereske. „Dieses Gold widme ich Thomas.“

Dieses Gold war für Chef-Bundestrainer Josef Capousek „der Hammer“. Kay Vesely, der Heimtrainer, sprang vor Begeisterung sogar ins Wasser. Auf jeden Fall ist es eine Sensation. Denn erst vor zwei Monaten wurde das Boot umbesetzt. Gille rückte auf die Schlagposition, Wylenzek paddelt jetzt auf Position zwei. „Dieser Wechsel ist das Geheimnis des Erfolgs“, sagte Vesely. Aber dieser Erfolg kam nach nur 700 gemeinsamen Trainingskilometern in dieser Kombination zustande. Das ist überraschend. Wylenzek lebt erst seit vier Jahren in Deutschland. Er wuchs in Polen auf, verlor aber als Zweijähriger den Vater. Seine Mutter zog nach Deutschland, ließ aber Tomas Wylenzek und dessen Schwester in Polen zurück. Eine Verwandte kümmerte sich um sie. In Polen saß Wylenzek zum ersten Mal in einem Canadier, bis er 2000 nach Deutschland kam.

Seinem Partner Gille überkamen bei der Siegerehrung Tränen. Es war ihm egal. Den Sieg widmete er nicht bloß seinem toten Freund, sondern auch seiner Tochter. Die hatte gestern Geburtstag.

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