DIE BRASILIANER und was die Welt von ihnen erwartet : Sie wollen sie zaubern sehen

Als Joachim Löw am 6. Mai seinen vorläufigen Kader vorstellte, verlas er ihn nicht – wie einst Derwall und auch noch Vogts – vom Ringblock. Nein, die Presseabteilung des DFB hatte ein Filmchen vorbereiten lassen, in dem die Namen der 27 Spieler wie im Vorspann zum Science-Fiction-Reißer „Star Wars“ über den Bildschirm glitten. Sollte jemand noch nicht gewusst haben, dass die WM eine gefahrvolle Mission ist – jetzt wusste er es. Und damit auch klar wurde, auf welch fernen Planeten sich die Joginauten da begeben, wurde der Trailer unterfüttert mit Bildern aus Bernhard Grzimeks Archiv: Löwen. Elefanten. Giraffen. Noch mehr Löwen. Und Elefanten. Zum Schluss: wieder Giraffen. So sieht also Afrika aus.

Und so einfach ist die Welt. Menschen abstrahieren gern, damit ihnen die Zusammenhänge nicht über den Kopf wachsen. In Pretoria lungern wilde Tiere im Vorgarten herum. Deutschland ist eine Turniermannschaft. Und Brasilien spielt Samba-Fußball.

Vor allem von letzterem Klischee Abschied zu nehmen, fällt einigen Zeitgenosse offenbar sehr schwer. Allzu selig sind die Erinnerungen an Pelé, Didi, Garrincha und Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. Erinnerungen, die, genau genommen, nicht die eigenen sein können. Die WM 1958 ist lange her und umfänglich verkitscht worden. Trotzdem plappert man es den Großvätern nach: Früher war alles besser! Vor allem die Brasilianer. Was hat sie bloß so ruiniert?

„Wir hatten uns so auf ein Fußballfest gefreut!“, jammerte ARD-Mann Steffen Simon im Tonfall einer Pfarrerstochter. Dass die Seleção den Ivorern nicht den Hauch einer Chance ließ, entging ihm vor lauter Sehnsucht nach einer Zeit, die er selbst nicht erlebt hat. Er wollte, dass sie den Ball per Fallrückzieher stoppen, mit der Zunge passen und dann in den Winkel zelebrieren. So hatte es ihm die „Große Pelé-Nacht“ im Ersten ja schließlich verheißen!

Enttäuscht zu sein von einem Team, das einem nichts versprochen hat, gehört zum Gefühlscocktail einer WM. Die Bringschuld aber, die man den Brasilianern in die Schuhe schiebt, sucht ihresgleichen. „Der Schwarze schnackselt gern“, quoll einst aus Gloria von Thurn und Taxis hervor. Das ist Rassismus. Der Brasilianer zaubert gern – das ist mindestens bornierte Gestrigkeit. Dirk Gieselmann

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