Sport : Die Bundesliga hat ein Abwehrproblem

Das Fernsehen spart am Fußball – die Vereine reagieren mit hektischen Gehaltskürzungen, der Ligaverband ist nicht vorbereitet

Robert Ide,Oliver Trust

Von Robert Ide

und Oliver Trust

Berlin/Stuttgart. Die Winterpause ist für die deutschen Fußballvereine nicht gerade erholsam. Fast täglich gehen neue Horrormeldungen durch die Presse. Das „Ende des Fußball-Zaubers“ prophezeite das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ angesichts der wegbrechenden Fernseheinnahmen für die Bundesliga, und die „Bild“-Zeitung fragte im Namen des Fan-Volkes: „Versinkt die Bundesliga im Fernsehloch?“

Die Fakten jedenfalls sind nicht erfreulich: Die Kirch-Krise im Sommer vergangenen Jahres kostet die Ligen bis 2004 etwa 240 Millionen Euro; die Einnahmen mussten mit Bankbürgschaften abgesichert werden. Für die Zeit danach sieht es noch schlimmer aus: Die Bundesliga-Rechte im frei empfangbaren Fernsehen sind immer weniger wert. Derzeit kassiert die Deutsche Fußball-Liga (DFL) 80 Millionen Euro pro Saison, dafür darf Sat 1 die Spiele in der Sendung „ran“ zeigen. Ab 2004 will Sat 1 nur noch 50 Millionen zahlen. Mitbieten will keiner. Die ARD ist zufrieden mit den Länderspielen, das ZDF pflegt lieber Magazinsendungen wie das „Aktuelle Sportstudio“, und RTL ist mit der teuren Champions League die Lust am Fußball vergangen.

Auch das Geld vom Bezahlsender „Premiere“ ist ab 2004 ungewiss. Der Fußball- Liga, welche die Vereine der Ersten und Zweiten Bundesliga seit Juli 2001 weitgehend autonom vertritt, steht damit die härteste Bewährungsprobe ihrer jungen Geschichte bevor. Kann der Verband diese bewältigen? Und wie gehen die Vereine mit der Krise um? Eine Umfrage des Tagesspiegel zeigt: Die DFL ist nicht gut gerüstet. Und viele Vereine bekommen Panik. Sie reagieren auf die Krise mit kurzfristigen Gehaltskürzungen oder mit Schuldzuweisungen.

„Die Bundesliga hat so viele eklatante Probleme, das gab es seit 30 Jahren nicht mehr“, sagt der Geschäftsführer von Bayer Leverkusen, Wolfgang Holzhäuser. Dabei sei auch die DFL nicht richtig aufgestellt. „Die Beratung der Vereine wird zu sehr vernachlässigt.“ Genau genommen laufe es im Verband erst seit eineinhalb Jahren rund. Vorher hatte die Ligavertretung, die sich nach und nach vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) abkoppelte und immer noch mit diesem Prozess beschäftigt ist, zu wenige Mitarbeiter.

Hinzu kamen interne Meinungsverschiedenheiten. Die Geschäftsführer Michael Pfad und Frank-Thomas Sippel sowie Sprecher Tom Bender bilden nach Informationen aus DFL-Kreisen eine strategische Gruppe. Sie, die selbst früher bei Sat 1 und Premiere gearbeitet haben, hätten bei der Rechteverwertung oft einseitig auf die Kirch-Gruppe gesetzt, kritisieren Insider. Wilfried Straub, Direktor der DFL, sei dagegen eher als Interessenvertreter der Vereine aufgetreten. Und Präsident Werner Hackmann sei eher als Repräsentant denn als harter Verhandler aufgefallen. „Die Kommunikation mit dem Ligaverband ist eine Katastrophe“, heißt es von DFL- Kennern. „Da kocht jeder sein Süppchen.“

Auch zwischen dem Ligaverband und den Vereinen gibt es Probleme. Auf dem Höhepunkt der Kirch-Krise drückte Straub den Verkauf der Rechte an die Agentur Infront AG durch, die aus Kirchs Konkursmasse hervorging und die Rechte an Sat 1 weitergab. Ein alternatives Angebot des Rechtehändlers Herbert Kloiber, der mit der ARD zusammenarbeitet, lehnte Straub ab – gegen den Willen großer Vereine wie Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen. „Ich fand diesen Weg nicht richtig“, sagt Holzhäuser. „Aber die Liga wollte eine schnelle Lösung.“

Die schnelle Lösung hatte immerhin einen Vorteil: Das Geld für die laufende Saison war gesichert. Das allein zeigt schon die Lage der Vereine, die oft gewirtschaftet haben, als ob der Fernsehboom nie zu Ende gehen würde. „Manche Vereine haben nicht erkannt, was auf sie zukommt“, sagt Herthas Manager Dieter Hoeneß. „Ich habe schon vor Wochen gesagt: Das Thema ist noch nicht beendet.“

In der Liga herrscht jetzt Existenzangst. Mit hektischen Gehaltskürzungen versuchten Vereine wie der 1. FC Kaiserslautern, Energie Cottbus und auch der 1. FC Union, Finanzlöcher zu stopfen und über die Winterpause zu kommen. Zweitligisten wie der Karlsruher SC konnten nicht einmal alle Heizungsrechnungen begleichen.

„Sinken die TV-Einnahmen weiter, egal, ob um 30, 20 oder nur 10 Prozent, ist das für uns eine Katastrophe", sagte Rolf Dohmen, der Manager des KSC. Der Verein wirtschafte heute auf dem Niveau von vor neun Jahren. „Da haben nur Spitzenspieler gut verdient und nicht der Durchschnitt", sagt Dohmen. Mehreinnahmen aus der Vermarktung seien kaum drin, ein neues Stadion utopisch. Dohmen sagt: „ Wir sind am Limit.“

Wie viele Vereine speisen die Karlsruher ihren Etat zu mehr als 50 Prozent aus dem TV-Geld. Da bleiben nur Gehaltskürzungen und Entlassungen. Schon jetzt ist der Markt mit Spielern überschwemmt, 200 der 1700 deutschen Profifußballer sind arbeitslos.

Die Pleite beim Fernsehen wird nun an die Fußballer weitergegeben. Der VfB Stuttgart, mit 16,6 Millionen Euro verschuldet, zahlte nicht einmal Prämien, als die Mannschaft in den Uefa-Cup vorstieß. Erst nach sechs Monaten bekamen die Spieler ein einmaliges Erfolgsgeld von 7000 Euro. Die Trikots, die Spieler nach Siegen gerne ins Publikum werfen, müssen sie jetzt selbst bezahlen.

In Kaiserslautern sah sich der neue Vorstandschef René C. Jäggi nach jahrelanger Misswirtschaft und einem Schuldenberg von 30 Millionen Euro dazu gezwungen, die Hälfte der Spielergehälter einzufrieren. „Spaß macht das keinen, aber es ist die einzige Möglichkeit, den Klub zu retten“, sagt Jäggi. Die Spieler verzichteten auf Druck der Vereinsführung auf 20 Prozent ihrer möglichen Punktprämien. Jäggi setzte die virtuell eingesparten 1,5 Millionen Euro als Bürgschaft ein, um kreditgebende Banken zu beruhigen. Mit bangen Gesichtern schlichen Angestellte der Geschäftsstelle zur Krisensitzung mit der Vereinsführung. Beim Personal herrscht Angst vor Entlassungen. „Neueinstellungen sind auf Eis gelegt“, sagt Jäggi.

Und so gibt es nur wenige Vereine, die bei dieser Krise gelassen bleiben. Bei Hansa Rostock etwa durfte Trainer Armin Veh trotz Kirch-Pleite neun neue Spieler verpflichten, der Vertrag mit ihm wurde vorzeitig verlängert. „Wir haben Reserven aufgebaut und nicht mit Geld um uns geworfen“, sagt Aufsichtsratschef Horst Klinkmann. Doch wegen der schlechten Nachrichten vom Fernsehmarkt wird nun sogar in Rostock gespart. „Auch bei uns wird es Kürzungen der Gehälter geben, aber nicht bei den Spielern“, sagt Klinkmann. „Bei uns werden ab Juli die Vorstandsmitglieder leistungsbezogen bezahlt.“

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