Sport : Die Charakter-Weltmeister

Argentinien will mit Teamgeist und neuer Bescheidenheit den Titel holen – zuerst spielt Pekermans Team gegen die Elfenbeinküste

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Berlin - Er steht auf dem Trainingsplatz und schweigt. Ein paar Notizen, kaum Anweisungen, wenige Gesten. Das graue Haar ist dicht und für sein Alter, 56, einen Tick zu lang. José Pekerman ist ein großer Schweiger, wird er aber öffentlich gezwungen zu reden, doziert er so lange, bis seine Zuhörer sich langweilen. In Argentinien nennen sie ihren Nationaltrainer Professor, aber das ist kein uneingeschränktes Kompliment. Wenn die „seleccíon“ heute zum ersten Spiel der Gruppe C gegen die Elfenbeinküste antritt, geht es auch um den Kopf von Pekerman. Kaum ein Trainer Argentiniens wurde mit so viel Skepsis betrachtet wie der ehemalige Nachwuchskoordinator. Vielleicht liegt das daran, dass Pekerman ausgerechnet mit Unterstatement zum Titel will, Argentinien aber traditionell zum Machismo und zur Theatralik neigt.

Vor der letzten WM glaubten sie alle, nur Argentinien könne Weltmeister werden, und die Spieler benahmen sich so, als wären sie es schon. Nach drei Spielen war Schluss, Aus in der Vorrunde, hinter Schweden und England.

Pekerman, damals noch nicht in der Verantwortung, hat seine Konsequenzen gezogen. Er hat ein neues Anforderungsprofil erdacht. Er sagt, ein starker Charakter eines Spielers sei ebenso wichtig wie dessen Technik und Physis. Dahinter steckt die Erkenntnis: Diven und große Klappen sind nicht gut für das Team. Dem Teamgedanken wird alles untergeordnet. Erst wenn das jedem klar ist, sagt Pekerman, könne man auch der Kreativität einzelner Spieler Raum geben. Von der WM 2002 sind noch vier Spieler übrig, dafür werden heute wohl acht WM-Debütanten auflaufen.

Die großen argentinischen Experten, zum Beispiel Maradona und Menotti, belächeln Pekerman als Nachwuchstrainer, dem es an Erfahrung fehle. Pekerman hat dreimal die Junioren-WM gewonnen, jetzt hat er sich tatsächlich wieder eine Mannschaft zusammengestellt, die von der Mentalität einem Nachwuchsteam gleicht: hungrig, talentiert, loyal. 14 Juniorenweltmeister stehen im Team, trainiert hat er sie alle. Ein paar alte – vor allem Torwart Abbondanzieri, Sorin, Ayala, Crespo – sollen den Jungen die Sicherheit geben, ihr enormes Potenzial zu entfalten. Schaut man den Kader kritisch an, kann man zu dem Ergebnis kommen, es fehle ihm die Strahlkraft und das Charisma, das Brasilien auszeichnet. Das mag schon sein, Weltstars sind sie nicht, aber technisch ist jeder Argentinier voll auf der Höhe der Brasilianer, und als Team sind sie womöglich geschlossener. Es gefällt Pekerman, dass viel über Brasilien und wenig über Argentinien geredet wird.

Streng genommen ist Stürmer Hernan Crespo der einzige Spieler mit internationaler Ausstrahlung. Juan Riquelme dagegen, der Kopf des Teams im Mittelfeld, ist der Prototyp des Spielers Pekerman’scher Prägung. Still, zurückhaltend, zum Geniestreich fähig. In Barcelona ist er gescheitert, mit dem Provinzklub Villarreal ist er ins Halbfinale der Champions League gekommen. Argentiniens Team ist großes Talent, perfekte Organisation und ein bisschen Langeweile.

Alt und jung, Erfahrung und Inspiration ins Gleichgewicht bringen, das war Pekermans Ziel – gegen die Meinung des Volkes: Die Argentinier würden am liebsten die jungen Wilden spielen sehen, den neuen Messias Lionel Messi,18, von Barcelona, Rodrigo Palacio, den Stürmer von den Boca Juniors, und natürlich Carlos Tevez von Corinthians Sao Paulo, den alle in der Form seines Lebens wähnen. Pekerman wird wohl keinen der drei von Beginn an auflaufen lassen. Dem Teamgeist schadet es nicht. Wie schon beim Confed-Cup 2005 sieht man gut gelaunte Spieler, die es genießen, zusammen zu sein. Öffentlich fallen Sätze voller Pathos, wie der von Carlos Tevez: „Wenn einer nicht von Beginn an spielt, so hat er sich optimal vorzubereiten auf den Moment, wenn man ihn braucht.“ So oder so ähnlich reden sie alle in diesem Team: bescheiden, zurückhaltend, teamorientiert. So will es Pekerman. So will er Weltmeister werden.

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