Sport : Die Daum-Tragödie: Der doppelte Nothelfer

Stefan Hermanns

Wenn Rudi Völler in zwanzig Jahren sein Berufsleben noch einmal Revue passieren lässt, wird er vielleicht immer noch den Kopf schütteln über das, was ihm im Sommer und im Herbst des Jahres 2000 widerfahren ist.

Im Moment muss sich Völler vorkommen wie ein Karriere-Yuppie mit schnellem Auto, schöner Frau und schicker Wohnung, der es sich im Traum nicht vorstellen will, einmal Vater zu sein und auf all die Annehmlichkeiten des teuren Lebens zu verzichten, weil er sich stattdessen mit Windeln und Babybrei beschäftigen müsste. Blöderweise wird seine Frau dann ungewollt schwanger, und im Krankenhaus erfährt er, dass sie gerade Drillinge zur Welt gebracht hat. Rudi Völler hatte niemals vor, nach seiner glanzvollen Fußballer-Karriere als Trainer zu arbeiten. Seit Freitagabend muss er gleich zwei Mannschaften betreuen. Nach der vaterländischen Pflichtaufgabe, die deutsche Nationalmannschaft aus ihrer schlimmsten Krise zu führen, soll Völler nach dem Rücktritt Christoph Daums nun auch seinen eigentlichen Arbeitgeber Bayer Leverkusen vor dem tiefen Fall bewahren.

"Bis auf Weiteres", so die Vereinbarung mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), darf Völler bei Bayer auf der Bank sitzen. Das heißt: mindestens bis zur Winterpause. Bis dahin birgt diese noch nie dagewesene Konstruktion keine größeren Probleme. Für die Nationalmannschaft steht in dieser Zeit lediglich ein Freundschaftsspiel gegen Dänemark auf dem Programm.

Was danach passiert, soll in dieser Woche mit dem DFB erörtert werden. "Irgendwie werden wir schon eine Lösung finden", sagte Völler. Wie sie aussehen könnte, "weiß ich im Moment selber nicht". Bayer Leverkusen setzt auf ein Entgegenkommen des DFB. "Nach dem, was wir an Leistung gegenüber dem DFB erbracht haben, hoffen wir nun, etwas davon zurückzubekommen", sagte Bayers Finanzgeschäftsführer Wolfgang Holzhäuser. Für den Fall, dass diese Hoffnung trügt, hat Manager Reiner Calmund bereits angekündigt, "springe ich beim DFB auf den Tisch". Das dürfte einige Trümmer hinterlassen. Dennoch hat Karl-Heinz Rummenigge, Chef der Schnellen Eingreiftruppe des DFB, bereits seine Hoffnung kundgetan, dass Völler bei der Nationalmannschaft über den bisher ausgehandelten Termin weitermacht.

Paulo Rink, Nationalstürmer von Bayer Leverkusen, wurde gefragt, wo er Völler in Zukunft lieber sähe: bei Bayer oder bei der Nationalelf? "Vielleicht bei beiden", antwortete Rink. Völlers Erfolge lassen im Moment alles möglich erscheinen. Seine Bilanz als National- und als Klubtrainer ist makellos: vier Spiele, vier Siege. "Davon drei Heimspiele", sagt Völler. "Die Realität ist nicht immer so. Ich kann das sehr gut einschätzen." Dass ihm die Aufgabe über den Kopf wachsen könnte, "da habe ich große Angst vor".

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