Sport : Die Daum-Tragödie: Oberarzt Beckenbauer

Benedikt Voigt

So ein Präsident hat es gut. Wenn er die Zeitung aufschlägt, sein Ohr dem Radio leiht oder den Fernseher anknipst, umspielt stets ein leichtes Lächeln seine Lippen. Wird eines seiner Spezialgebiete in den Nachrichten behandelt, so grinst der Präsident und sagt: "Weiß ich schon." Oder: "Diese Gerüchte gibt es schon seit zehn Jahren." Auf jeden Fall kann ihn nichts überraschen, denn er hat Informanten, die ihm alles zutragen müssen. Eigentlich weiß nur einer mehr als ein Präsident: zwei Präsidenten.

Also Franz Beckenbauer. Der ist Präsident beim FC Bayern München und Vizepräsident beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). So ein Präsident-Vizepräsident hat natürlich Zugang zu allen fußballgeheimdienstlich relevanten Quellen: Uli Hoeneß, Bundesärztekammer, Platzwart der BayArena. So erklärt sich auch das wissende Lächeln, das Beckenbauer gerne vor sich herträgt. Über den Drogenfall Daum war Beckenbauer längst informiert. Einer seiner Informellen Mitarbeiter (IM) muss ihm vor geraumer Zeit das ärztliche Bulletin des ehemaligen Fußballtrainers Christoph Daum zugesteckt haben. Nur ein paar Stunden nach Bekanntwerden der positiven Haarprobe konnte Beckenbauer wie ein Oberarzt die erste Diagnose stellen: "Soweit ich informiert bin, ist Daum abhängig", erklärte er im Münchner Olympiastadion, "er ist krank und wird sich einer Entziehungskur unterziehen müssen."

So ist er, der Beckenbauer Franze aus München-Giesing. Während der Rest der Welt noch ungläubig den schlimmsten Gegentreffer bestaunt, den Christoph Daum jemals hinnehmen musste, dribbelt Beckenbauer schon wieder am Anstoßkreis herum. "Firlefranz" hat ihn der "Spiegel" getauft, weil er für alles zuständig ist, auch wenn er sich dabei oft selbst im Wege steht. Abgesehen vom Kölner Trainer Lienen und Reiner Calmund nimmt ihm das auch niemand übel. Letzterer war von der jüngsten Wendung des Falles total überrascht. "Daum wirkte immer völlig normal." Aber Calmund ist Manager.

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