Sport : Die Daum-Tragödie: Vier Klebestreifen bleiben zurück

Stefan Hermanns

Die Spuren der Vergangenheit waren schnell beseitigt. Am Nachmittag noch hing das Bild von Christoph Daum im grellblauen Anzug an der Wand des Presseraums in der Leverkusener BayArena. Wenige Stunden später erinnern nur noch vier ausgediente Klebestreifen daran, dass in Leverkusen seit dem 21. Oktober 2000 nichts mehr ist, wie es einmal war. Um Punkt 15.57 Uhr - so jedenfalls berichtet am nächsten Tag die "Bild am Sonntag" - hat Stadion-Hausmeister Hollekamp das Bild von der Wand genommen.

Nicht alle Spuren lassen sich auf die Schnelle tilgen. Die Pressekonferenz mit Reiner Calmund, dem Manager von Bayer Leverkusen, zur positiven Haarproben-Analyse Daums ist gerade beendet, als im Presseraum die aktuelle Ausgabe der Stadionzeitschrift für das Spiel am Abend gegen Borussia Dortmund ausgelegt wird. Darin ist ein Interview mit BVB-Trainer Matthias Sammer zu lesen: "Es ist bekannt, dass ich Christoph Daum hoch schätze", sagt Sammer. "Ich bin sicher, dass er sich für dieses Spiel die eine oder andere Überraschung einfallen lassen wird."

Die Überraschung, die der Öffentlichkeit dann am Nachmittag präsentiert wird, ist jedoch ein wenig misslungen. Als Sammer nach seiner Gefühlslage gefragt wird, antwortet er: "Das werde ich öffentlich nicht bekannt geben." Sammer war Spieler in Stuttgart, als der VfB mit Christoph Daum 1992 Deutscher Meister wurde, und im Rahmen seiner eigenen Trainerausbildung hat er bei Daum in Leverkusen hospitiert. "Mein Freund wird er immer bleiben", sagt Sammer. "Jetzt noch mehr als vorher."

Daum bekommt das alles nicht mehr mit. Bayer Leverkusen hatte unmittelbar nach Bekanntwerden der positiven Probe erste Betreuungsmaßnahmen eingeleitet. Daum soll zunächst in Florida und dann auf weiteren Stationen im Ausland die Ereignisse der zurückliegenden Wochen aufarbeiten und seinen Frieden finden, ständig begleitet von seinen Kindern und Vertretern des Klubs.

Die Fans in der BayArena feiern den ehemaligen Erfolgstrainer beim Spiel gegen Borussia Dortmund, als wäre nichts passiert. Während die BVB-Anhänger "Keine Macht den Drogen" singen und "Ihr habt die Nase voll", bleibt Daum für die Bayer-Fans "der beste Mann" und Uli Hoeneß, der vermeintliche Buhmann der ganzen Geschichte, ein "Arschloch". Als habe Hoeneß die Haarprobe manipuliert oder die Wissenschaftler bestochen. Das kollektive Gemüt in Leverkusen hält Daum immer noch für unschuldig. Es soll ja noch eine zweite Probe geben, und die wird dann alles zum Guten wenden. Wieso denn sonst, so fragt sich der gemeine Fan, hat sich Daum freiwillig zur Haaranalyse entschlossen, wenn er nicht hundertprozentig sicher war?

Daum selbst hat am Freitagabend in seiner ersten Reaktion behauptet: "Das kann nicht meine Haarprobe sein. Das ist manipuliert." Doch selbst wenn die B-Probe ein anderes Ergebnis bringen sollte als die Analyse des Instituts für Rechtsmedizin in Köln, wird Daum nicht wieder Trainer in Leverkusen. Reiner Calmund hat dies bereits ausgeschlossen. Der Bayer-Manager hat bei Daum "einen Realitätsverlust" festgestellt, "der versteht das gar nicht".

Daum ist nicht der Einzige. "Calli, was erzählst du da?", hat Rudi Völler gefragt, als er am Freitag über das Ergebnis informiert wurde. "Keiner im Verein hat damit gerechnet", sagt Torhüter Adam Matysek nach dem 2:0-Sieg über Dortmund. Calmund spekuliert: "Vielleicht sind wir ein bisschen dämlich." Aber: "Wir können uns gar nicht vorstellen: Dieser Mann nimmt Drogen." Völler bildet sich nicht ein, "dass ich so was sofort erkennen kann". So oder so ähnlich werden nun wohl alle argumentieren, die mit Daum zu tun hatten und von seinem Drogenkonsum nichts gewusst haben.

Die Spieler zum Beispiel. Dass Daum regelmäßig Drogen genommen hat, "kann ich mir nicht vorstellen", sagt Matysek. Die Mannschaft hat erst am Nachmittag von der Wendung der Geschichte erfahren. Obwohl die Spieler Vollprofis seien, so sagt Rudi Völler, könne man nicht erwarten, "die müssen das locker abkönnen". Michael Ballack bekennt: "Das geht uns schon sehr nahe." Umso erstaunlicher, dass die Leverkusener in dieser Situation ihre vielleicht beste Saisonleistung zeigten. Mannschaftskapitän Jens Nowotny fand nach dem Sieg über Dortmund: "Es hat ganz gut geklappt." Aber irgendwie ist das in diesem Abend nicht die Hauptsache. Richtig freuen, sagt Rudi Völler, "können wir uns alle nicht".

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