Sport : Die Denkfabrik

Kein Schachspieler bereitet sich auf seine Partien so professionell vor wie Weltmeister Kramnik

Martin Breutigam[Brissago]

Wladimir Kramnik streckte die rechte Faust in die Höhe. Mit eindrucksvollen Manövern hatte der Schach-Weltmeister den König seines Gegners Peter Leko in ein Mattnetz getrieben und damit den zur Titelverteidigung notwendigen 7:7-Ausgleich erzielt. Kramnik habe „brillant gespielt“, sagte der enttäuschte Leko nach der Partie.

Kramniks Sieg in der letzten Partie kam überraschend. Einen solchen Kraftakt hatten ihm nur noch wenige zugetraut. Von jeher gilt der 29-Jährige als Künstler. Er bevorzugt langfristige strategische Lösungen, meidet den Schlagabtausch. Aufgewachsen ist Kramnik in Tuapse am Schwarzen Meer. Seine Mutter ist Musiklehrerin, der Vater Maler und Bildhauer. Er brachte Wladimir schon als Vierjährigem das Schachspielen bei. Als Drittklässler gewann der Kleine die Erwachsenenmeisterschaft der Region Krasnodar. Mit elf kam er in die berühmte Botwinnik-Schachschule, die damals von Weltmeister Garry Kasparow mitgeleitet wurde. Als der alte Botwinnik nur fünf Partien Kramniks nachgespielt hatte, entschied er: „Diesen Jungen müssen wir unbedingt aufnehmen.“

Mit seinem Sieg über Kasparow, in London 2000, stand Kramnik dann selbst in einer Reihe mit den Heroen der Schachgeschichte. Er arbeitet viel für diesen Erfolg. Er kann wie alle großen Spieler mühelos blind analysieren, und er lässt analysieren. In Brissago hatte er unter anderem die Hilfe seiner Landsleute Peter Swidler und Jewgeni Barejew in Anspruch genommen. Die beiden Weltklassespieler blieben die ganze Zeit über im Hotel und feilten an Eröffnungen. Erst zur letzten Runde kamen sie in das Centro Dannemann und genossen das Spiel ihres Arbeitgebers bei einem Glas Rotwein. „Keiner ist so vorbereitet wie Wladimir, eine ganze Fabrik arbeitet für ihn“, sagt Leko. Im kommenden Jahr könnte es neue Arbeit geben. In einem Vereinigungsmatch der beiden Schachverbände könnte Kramnik dann auf seinen alten Rivalen Kasparow treffen.

Kramnik - Leko (14. WM-Partie) 1.e4 c6 2.d4 d5 3.e5 Lf5 4.h4 h6 5.g4 Ld7 6.Sd2 (Nach zehn Minuten entscheidet sich Kramnik für eine Neuerung in dieser ohnehin selten gespielten Variante.) 6...c5 7.dxc5 e6 8.Sb3 Lxc5 9.Sxc5 Da5+ 10.c3 Dxc5 11.Sf3 Se7 12.Ld3 Sbc6 13.Le3 Da5 14.Dd2 Sg6 („Es hat mich 20 Minuten gekostet, ob ich hier das Bauernopfer 14...d4 spielen sollte oder nicht. Ich hätte es machen sollen“, sagte Leko.) 15.Ld4 Sxd4 16.cxd4 Dxd2+ (In Betracht kam auch 16...Db6 mit der Idee 17...Lb5.) 17.Kxd2 Sf4 18.Tac1 h5?! („Das Endspiel war völlig in Ordnung für Schwarz“, sagte Leko. Die aus praktischer Sicht bessere Entscheidung wäre aber 18...Sxd3 19.Kxd3 gewesen. Danach sei die Stellung mit dem „schlechten Läufer“ zwar ein bisschen unangenehm zu spielen, aber wahrscheinlich haltbar.) 19.Thg1 Lc6? (Leko zeigte hinterher, warum 19...Sh3! stärker war: 20.Tg2 Sf4 21.Tg3 Lc6 22.gxh5 Sxh5 und Schwarz hätte er im Vergleich zur Partie ein wichtiges Tempo gewonnen, weil der Turm auf g3 angegriffen ist.) 20.gxh5 Sxh5 (Nun bleibt der Springer h5 vom Spiel ausgeschlossen, dennoch sieht die schwarze Stellung, oberflächlich betrachtet, haltbar aus. Aber mit einer Reihe wuchtiger Züge raubt Kramnik seinem Gegner alle Illusionen.) 21.b4! a6 22.a4! Kd8 (Falls 22...Lxa4 23.Tc7 Lc6, so 24.Sg5! 0-0 25.Lh7+ Kh8 26.Lc2 Kg8 27.Sh3 und dem Springer h5 ginge es schlecht, denn es droht 28.Ld1 und auf 27...g6 folgt 28.Lxg6! fxg6 29.Txg6+ Kh8 30.Sg5 nebst Tc7-h7 matt.) 23.Sg5! Le8 24.b5 Sf4 (Im Voraus hatte Leko nach 24...axb5 das überraschende 25.Lxb5! übersehen. „Danach kollabiert die schwarze Stellung.“) 25.b6! Sxd3 26.Kxd3 Tc8 (Trostlos sähe auch 26...Txh4 27.Tc7 Tc8 28.Sxf7+ Lxf7 29.Txf7 aus.) 27.Txc8+ Kxc8 28.Tc1+ Lc6 29.Sxf7 Txh4 30.Sd6+ Kd8 31.Tg1 Th3+ 32.Ke2 Ta3 (Oder 32...Th7 33.a5 plant Tg3-f3-f7.) 33.Txg7 Txa4 34.f4! Ta2+ (Oder 34...Txd4 35.f5 exf5 36.e6 - droht ...e7+ nebst ...e8D+ - 36...Te4+ 37.Sxe4 dxe4 38.Tc7, mit der Idee ...Txc6 nebst ...b7.) 35.Kf3 Ta3+ 36.Kg4 Td3 37.f5! Txd4+ 38.Kg5 exf5 39.Kf6 Tg4 40.Tc7 Th4 41.Sf7+ (Hier gab Leko auf, wegen 41...Ke8 42.Tc8+ Kd7 43.Td8 matt.) 1:0.

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