Sport : Die deutsche Doppelspitze kämpft in Stuttgart um die WM-Teilnahme

Jörg Allmeroth

Becker-Schützling, Agassi-Kopie? Solche Vergleiche kann Nicolas Kiefer nicht mehr hören. "Ich bin nicht das Abbild eines anderen", sagt der trotzige Niedersachse, der sich allmählich zu einer authentischen Marke im Tennis-Business entwickelt. Neu profiliert hat sich Kiefer dabei in einer ungewöhnlichen Saison 1999 mit merkwürdig gespaltener Bilanz. Bei ATP-Turnieren einer der Hauptdarsteller, der reihenweise Topleute schlug, blieb der 22-Jährige bei Grand-Slam-Wettbewerben eine Randfigur. Gleichwohl hält Kiefer Kurs nach oben, was ihn sogar schon an der Top-Ten-Grenze vorbei auf Platz sieben führte. "Er hat alle Qualitäten, um sich in der Weltelite zu behaupten", meint Deutschlands Davis-Cup-Kapitän Carl-Uwe Steeb, "vielleicht holt er sich schon bald einen der großen Titel."

Kiefer hat seine Konzentration in diesem Jahr auf seine eigenen Aktivitäten gerichtet und die Auftritte in der Tennis-Nationalmannschaft außer Acht gelassen. Beim Relegationsspiel in Rumänien fehlte Kiefer, weil er sich über "atmosphärische Störungen" beklagt und insbesondere mit Teamchef Becker verkracht hatte. Kiefer fühlt sich vom dreimaligen Wimbledon-Champion geschnitten, seit er das Junior-Team Beckers verlassen hat. Trotz aller Versöhnungsbemühungen hat Kiefer noch nicht seine Rückkehr in die Davis-Cup-Equipe zugesagt.

Dem Individualisten Kiefer gelangen bereits drei Turniersiege in diesem Jahr - in Taschkent, Tokio und Halle. Das WM-Heimspiel rückt damit immer näher für Kiefer, der sich in der Qualifikation seit Monaten unter den ersten Acht hält und nach dem Finaleinzug in Wien sogar auf Rang 5 vorrückte: "Für mich würde ein Traum in Erfüllung gehen, wenn ich in Hannover dabei sein könnte", sagt der Aufsteigertyp, der in seiner Jugendzeit jahrelang im Hannoveraner Leistungszentrum des DTB trainierte. In Basel (Halbfinale) und Wien (Fünf-Satz-Finalniederlage gegen Greg Rusedski) hat Kiefer Appetit auf seinen Stuttgarter Auftritt geweckt, zumal er sich in der Heimat in dieser Spielzeit rar gemacht hatte. 1999 war Kiefer nur beim Düsseldorfer World Team Cup und in Halle aufgetreten. Kiefer hat 1999 eine der besten Bilanzen aller Profispieler. Seit Januar hat er 54 Matches gewonnen und 22 verloren. Neben den drei Turniererfolgen kam Kiefer noch zwei weitere Male in ein Endspiel (Dubai, Wien) und scheiterte beispielsweise beim Super-Neun-Turnier in Montreal in der Vorschlussrunde. Das hat sich ausgezahlt. Vor dem ersten Ballwechsel in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle hatte Kiefer bereits 900 000 Dollar verdient. Vielleicht knackt Kiefer im Schwäbischen sogar die Millionengrenze.

Ungewisser ist die Lage für Thomas Haas, der kürzlich auch schon einmal unter den Top Ten rangierte. Nach seinem Finalvorstoß beim Grand Slam Cup musste Haas wegen einer Nagelbettentzündung passen und verlor an Boden im WM-Rennen. Bei den Turnieren in Basel und Wien schaute er zu. In Lyon schied er zum Auftakt aus. Umso mehr kommt jetzt alles auf ein ansehnliches Abschneiden in Stuttgart an, wo es Punkte in Hülle und Fülle zu gewinnen gibt.

Wenn Haas sich im WM-Kampf ähnlich nervenstark zeigt wie beim Davis-Cup-Spiel Deutschlands in Rumänien, können seine Anhänger unbesorgt sein. "Die Erfahrung, bei einem Auswärtsspiel gegen fanatische Zuschauer nicht versagt zu haben, war sehr wichtig für mich", sagte Haas. Nach einer Reihe starker Auftritte in der europäischen Sandplatzsaison und den Turnieren in Amerika (bei den US Open schied er im Achtelfinale aus) freut sich Haas auf die Rückkehr in die Halle, wo er seine spielerische Dynamik voll einsetzen kann: "In Stuttgart will ich die Grundlage für eine Teilnahme an der ATP-WM legen", sagt der 21-Jährige, der gern Teil einer heimischen Doppelspitze bei der vorerst letzten WM in Deutschland wäre.

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