Sport : Die deutsche Nationalmannschaft versucht, aus dem 1:1 nur Positives zu ziehen

Sebastian Arlt

Da saßen sie in ihren braunen Ausgeh-Anzügen in der Kabine in den Katakomben des Maksimir-Stadions in Zagreb und warteten und warteten. Erst als Erich Ribbeck, der Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, nach 45 Minuten seine Verpflichtungen bei Presse, Funk und Fernsehen beendet und er in der Kabine eine kurze Ansprache gehalten hatte, durften die Spieler raus. Einige waren sichtlich genervt von der Warterei. Über den Hintergrund des "Stuben-Arrestes" (Deutsche Presseagentur) nach dem 1:1 gegen Kroatien darf nun fleißig spekuliert werden. Wollte Ribeck nur Adieu sagen, weil das Team nicht gemeinsam heimreiste, sondern einige Auserwählte in Learjets zu ihren Arbeitgebern zurückflogen? Wurde noch einmal eine gemeinsame Linie festgelegt, was man sagen darf und was nicht, wie man das Spiel zu bewerten hat? Zumindest mutete die Maßnahme merkwürdig an. Nach der Maulwurf-Affäre, als einige Interna aus der Nationalelf an die Öffentlichkeit kamen, sind alle vorsichtig geworden.

Als er endlich die Kabine verlassen durfte, erspähte Dariusz Wosz jedenfalls blitzschnell die Lücke. Während sich Dutzende von Journalisten und Kameramännern um Lothar Matthäus scharten und ein paar wenige versuchten, Dietmar Hamann zu interviewen, drückte er sich - immer an der Wand lang - fast unbeachtet aus dem Maksimir-Stadion ins Freie zum Mannschaftsbus. So unauffälig wie bei seinem Abgang war der 30-jährige Mittelfeldspieler von Hertha BSC auf der Seenplatte, die sich Spielfeld nannte, beim 1:1 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Kroatien nicht gewesen. Wosz hatte seine Chance genutzt, mit einer guten Leistung Eindruck zu machen. "Ich bin froh, dass ich meinen Kritikern habe zeigen können, dass ich eine Mannschaft führen kann", sagte Wosz. Kampf und Einsatzwillen waren gefragt bei den katastrophalen Platzverhältnisse, doch Dariusz Wosz war es gelungen, sich in den Pfützen freizuschwimmen und auch zu zeigen, dass er wegen seiner spielerischen Mittel eine Bereicherung im deutschen Mittelfeld ist. Teamchef Erich Ribbeck lobte ihn ausdrücklich: "Wosz hat bewiesen, dass er ein wichtiger Spieler für uns werden kann." Im Verbund mit Dietmar Hamann und Michael Ballack habe er seine technischen, läuferischen und kämpferischen Fähigkeiten voll ausgespielt.

Zweifellos gehörte Wosz zu den Gewinnern des Abends. Ebenso wie sein Berliner Mannschaftskollege Marko Rehmer, der mit seinem ersten Länderspieltor ("Ein geiles Gefühl") die deutsche Führung erzielte, in den zweiten 45 Minuten aber wegen einer leichten Zerrung im Leistenbereich vorsichtshalber draußen blieb. Beide sehen sich ihrem Ziel, der Teilnahme an der Europameisterschaft vom 10. Juni bis 2. Juli, ein gutes Stück näher gekommen.

Vor der Partie gegen die Kroaten hatte der Teamchef erklärt, wenn man beim WM-Dritten bestehen könne, sei ihm auch für die Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden nicht bange. Doch kann man dieses Spiel wirklich als Maßstab nehmen? Zwar haben sich die Deutschen lange als "waterprooved" erwiesen, sie verstanden eine Stunde lang - im Gegensatz zu den Kroaten -, wie man im Zagreber Bassin spielen muss. In der ersten halben Stunde, so erzählte Wosz, habe es heftige Diskussionen unter den Kroaten gegeben: "Die wollten, dass aufgehört wird." Aber das war kein Thema. Alle mussten das Beste draus machen. "Seepferdchen" und "Fahrtenschwimmer" waren von Vorteil. Ribbeck: "Dribbeln war heute nicht angesagt."

Doch es war nicht zu übersehen, dass die Kroaten stärker wurden, als das Wasser auf dem Feld langsam versickerte und sie besser passen konnten, was die DFB-Elf gleich in Schwierigkeiten brachte. Dass, bei allen mildernden Umständen, die Doppel-Spitze Oliver Bierhoff/Ulf Kirsten wohl keine Zukunft hat. Überhaupt Bierhoff. Ribbeck hielt in Treue fest am Stürmer aus Mailand und stellte ihn auf. Der 31-Jährige war der schwächste Mann in der deutschen Mannschaft. Sicher hat er nicht gerade die Technik und den Körperbau, um bei diesem Boden zu brillieren, aber beispielsweise selbst ein Jens Nowotny spielte zwei Klassen besser als Bierhoff. Und der leistete auch noch die Vorarbeit zum kroatischen Ausgleich durch Niko Kovac. "Fast typisch" für seine Mannschaft sei dieser Treffer gewesen, meinte der Teamchef. "Wir fangen uns einen Konter, obwohl wir in Ballbesitz sind. Aber dann macht ein Spieler von uns einen Fehlpass nach hinten." Der Name des Passgebers kam ihm allerdings nicht über die Lippen.

Allgemeine Zufriedenheit machte sich dennoch breit. Man könne darauf aufbauen, sei ein Stück voran gekommen, auf dem richtigen Weg und so weiter. Die Stimmen von Trainer und Spieler waren austauschbar. Ribbeck sprach davon, dass jetzt das Selbstvertrauen der Spieler wachsen werde. "Sie haben gesehen, dass wir bei der EM eine Chance haben." Noch sei ja noch Zeit bis zur EM. Ob Ribbeck die dann nutzt, um weiter seinen Schlingerkurs zu fahren? Beispiel Dietmar Hamann: Nach der schlimmen Vorstellung gegen die Niederlande vor einem Monat kritisierte ihn Ribbeck als Einzigen aus der mit wenigen Ausnahmen desolaten Mannschaft, für das Zagreb-Länderspiel war er zuerst nicht einmal im Kader, was sein Selbstvertrauen gegen Null tendieren ließ. Als einige wegen Verletzungen absagten, wurde der in Liverpool unter Vertrag stehende Mittelfeldspieler nachnominiert. Er stand nun auf einmal in der Anfangsformation und zeigte ein starkes Spiel. Am Mittwoch habe er sich 20 Minuten lang mit dem Teamchef ausgesprochen, sagte Hamann: "Wir haben alles ausgeräumt." Was, alles? Kein Kommentar.

Wenigstens einer sagt, was er denkt. "So ein Spiel muss man gewinnen." Richtig, das war Lothar Matthäus. Der will immer gewinnen, sogar mit den MetroStars.

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