Sport : Die deutschen Fahrer unterstützen bei der WM geschlossen Jan Ullrich

Andreas Zellmer

Der Telekom-Kapitän kann in Italien als das Double schaffen - und damit Sportgeschichte schreibenAndreas Zellmer

Jan Ullrich kann am Sonntag in Verona wie 1997 mit dem ersten Tour-de-France-Sieg eines deutschen Rad-Profis wieder Sportgeschichte schreiben. Seit WM-Titel im Einzelzeitfahren 1994 zum ersten Mal vergeben wurden, hat noch niemand das Double geschafft. Für Ullrich liegt es nach seinem Triumph in Treviso vom Mittwoch in Reichweite. "Er hat die Form, die Mannschaft wird bedingungslos für ihn fahren, wenn er auch noch das nötige Glück hat, schafft er es", ist sich Teamleiter Olaf Ludwig sicher. Allerdings laufen die Wetten in Italien gegen den 25-jährigen Telekom-Kapitän.

Als Topfavorit wurde am Freitag Frank Vandenbroucke, im Frühjahr Sieger des Weltcup-Rennens Lüttich-Bastogne-Lüttich und im Mai vorübergehend mannschaftsintern wegen Doping-Verdachts gesperrt, gehandelt. Die Quote des Belgiers: für eine Mark bekommt der Wetter 3,50, wer auf Ullrichs Sieg setzt, bekäme 18 Mark. Damit liegt er nur auf dem neunten Platz des Zocker-Rankings.

Aber die scheinbare Unterschätzung kann "Il Kaiser", wie er von italienischen Zeitungen vorzugsweise bezeichnet wird, nur recht sein. Ullrichs Teamkollege Jörg Jaksche (Ansbach) mutmaßt mangelnde Loyalität im starken belgischen Team für den ungeliebten, als Großmaul verschrienen Vandenbroucke: "Die fahren bestimmt nicht für ihn. Er hat in Verona schon einen Festsaal gemietet, in dem er Sonntag seinen Titel feiern will."

Im zwölfköpfigen deutschen Team, in dem außer Ullrich die sechs Telekom-Fahrer aus der Vuelta stehen, herrscht die Devise: alle für einen. "Wir fahren für Jan, wenn er sagt, dass er sich stark genug fühlt zu gewinnen", sagte der Berliner Jens Voigt, sonst das ganze Jahr Konkurrent des Tour-Siegers von 1997, für das WM-Straßenrennen aber einer seiner "Edelhelfer". Nach einer vierstündigen Trainingsfahrt über den 260 km langen WM-Kurs urteilte der Zeitfahr-Weltmeister über den Parcours, den die Veranstalter ursprünglich für ihren Heros Marco Pantani zugeschnitten hatten: "Sehr schwer." Pro Runde - 16 sind zu fahren - ist ein 3,5 km langer, achtprozentiger Anstieg auf den Torricelle zu meistern. Die Abfahrt Richtung Ziel, das vor der Arena liegt, ist schwierig und kurvenreich.

Die Italiener, die sich am Freitag ganz bescheiden im Juniorinnen-Rennen über die erste Medaille (Bronze) freuen konnten, machen bei "ihrer WM" im Augenblick schwere Zeiten durch. "Armes Italien ohne Marco" steht auf selbstgemalten Transparenten der etwas desorientiert wirkenden italienischen Fans. Der glatzköpfige Tour-Sieger von 1998, wegen Doping-Verdachts aus dem Giro genommen und seit dieser Zeit im Schmollwinkel, fehlt seinen Fans an allen Ecken und Enden. "Wenn er weiter das Opfer spielt, könnte es sein, dass er nicht mehr wiederkommt", vermutete Manfred Böhmer, Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR).
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