Sport : Die Deutschen sind zu gut

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Von Stefan Hermanns

Seogwipo. Dem Verdacht der medizinischen Überversorgung trat Harald Stenger, der Pressesprecher des Deutschen Fußball-Bundes, mit Entschiedenheit entgegen. Ein Journalist war dieser Idee verfallen: Wenn Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der Mannschaftsarzt, wegen wichtiger Termine in der Heimat weilt, die medizinische Versorgung der Mannschaft aber, wie Stenger berichtete, trotzdem „in keiner Weise gefährdet“ sei – ist denn dann die geplante Rückkehr Müller-Wohlfahrts zum Halbfinale überhaupt noch notwendig?

Andererseits redet auch niemand von einer personellen Überversorgung bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, obwohl dem Kader 23 Spieler angehören, jedoch höchstens 14 im Laufe eines Spieles zum Einsatz kommen dürfen. Dass alle eine gewisse Daseinsberechtigung haben, hat das Achtelfinale gegen Paraguay gezeigt. Drei Spieler waren gesperrt, zwei – Marko Rehmer und Christoph Metzelder – mussten im Laufe der Partie wegen Verletzungen ersetzt werden, und schon bleibt mit Lars Ricken nur noch ein Feldspieler übrig, der bei dieser WM noch nicht zum Einsatz gekommen ist.

Eine solche Entwicklung war bei Rudi Völler nicht zu erwarten. In den drei Vorrundenspielen hatte er dreimal mit derselben Mannschaft begonnen. Allerdings haben ihm die Ergänzungsspieler eine Rückkehr zur alten Linie recht schwer gemacht. „Wir sind zwar nicht das spielerische Highlight der WM“, hat Franz Beckenbauer gesagt, „aber wir haben eine gute Mannschaft – da kann der Rudi aufstellen, wen er will.“

Frank Baumann zum Beispiel galt bisher als jemand, der vielleicht mal in Freundschaftsspielen für die letzten 15 Minuten eingewechselt werden kann. Im Grunde ist er von den deutschen Abwehrspielern die siebte Wahl. „Für mich war schon vor der WM klar, dass ich draußen bleiben werde“, sagt der Bremer. Er ist schließlich nur als Nachrücker für Christian Wörns in den Kader berufen worden. Und trotzdem war es für den 26-Jährigen „nicht so ganz einfach“, immer nur auf der Bank zu sitzen.

Völler findet es „positiv, dass relativ viele zum Einsatz gekommen sind". Die personellen Veränderungen dienten auch dem Frustausgleich. Spieler wie Baumann, Oliver Neuville, Gerald Asamoah und Sebastian Kehl haben gemerkt, dass sie nicht nur mit nach Asien fliegen durften, um als Trainingspartner für die erste Elf zur Verfügung zu stehen.

Naturgemäß können nicht alle auch bei der WM spielen, aber alle können darauf hoffen, dass die Endrunde Spieler in den Vordergrund spült, von denen das vor dem Turnier niemand erwartet hatte: „Bei einer WM ist es nun mal nicht üblich, dass bei sieben Spielen siebenmal dieselbe Mannschaft spielt“, sagt Baumann. Das ist seine große Hoffnung. Vielleicht auch seine einzige.

Bestes Beispiel dafür, dass eine WM ihre eigenen Helden schafft, ist der Italiener Salvatore Schillaci. Vor der WM 1990 hatte er ein Länderspiel bestritten. In der ersten Partie wurde er beim Stand von 0:0 eingewechselt, erzielte dann den 1:0-Siegtreffer gegen Österreich. Bei der nächsten Begegnung gegen die USA saß Schillaci wieder auf der Bank, wurde danach in jedem Spiel eingesetzt, erzielte jeweils ein Tor und war am Ende mit sechs Treffern WM-Torschützenkönig. Andererseits bot Olaf Thon bei derselben WM im Halbfinale gegen England eine starke Leistung, im Endspiel aber setzte Teamchef Beckenbauer wieder auf Pierre Littbarski.

Oliver Kahn, der Kapitän, hat den Reservisten geraten, sie dürften ihre schlechte Laune nicht nach außen tragen. Er spricht aus eigener Erfahrung. Bei drei großen Turnieren war er nur Ersatz. Da sei er nach dem Training auf sein Zimmer gegangen, habe vor Frust ins Bett gebissen, „und am nächsten Morgen bin ich dann mit einem Lächeln wieder zum Frühstück gekommen".

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