Sport : Die Deutschen und ihre Nationalelf: Abgestürzt wie Harald Juhnke

Harald Martenstein

Gehen Sie auf die Straße, irgendwo in Berlin, oder in Bayern. Sehen Sie sich die Leute an, zählen Sie bis elf. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gehören zu den elf Menschen, die zufällig an ihnen vorbeigelaufen sind, einige, die keinen deutschen Pass besitzen. Anderswo in Westeuropa sieht es ähnlich aus, zumindest in den großen Städten. Der Balkan und der Osten sind anders, aber im reicheren Teil Europas ist der ethnisch reine Nationalstaat perdü. Die einzigen Orte, wo man zur Zeit in einer europäischen Großstadt elf gut bezahlte junge Arbeitnehmer sehen kann, die alle garantiert den gleichen Pass besitzen, sind die Stadien der Fußball-Europameisterschaft.

Bei solchen Ereignissen feiert der Nationalstaat Wiederauferstehung, aber als Farce. Die elf Fußballspieler haben möglicherweise drei verschiedene Hautfarben, sie arbeiten in sieben verschiedenen Ländern, oder sie sind unter Umgehung von fünf Gesetzen ihres Staates extra eingebürgert worden, damit sie das Nationalteam verstärken. Nein, so eindeutig wie früher ist nichts mehr. Nationalmannschaften sind heutzutage nur noch eine Idee, eine geistige Konstruktion.

Die deutschen Fußballer taumeln in dieser Umgebung einem von allen Seiten prophezeiten Untergang entgegen. Niemand traut unserer Mannschaft noch etwas zu. Im Fußball ist alles möglich, aber ein Sieg der Deutschen bei der Europameisterschaft wäre eine der größten Sensationen in der an Sensationen nicht armen Fußballgeschichte.

Sind wir traurig? Erstaunlich viele Deutsche sind nicht traurig. Im Gegenteil. Viele sagen: Lieber eine saftige Niederlage als einer dieser typischen deutschen Siege der letzten Jahre, nach schwachem Spiel und mit einem geschenkten Elfmeter in der 89. Minute. Nicht wenige hoffen sogar auf eine Katastrophe, auf eine klare, eindeutige und möglichst deprimierende Niederlage. Einerseits aus Schadenfreude und aus Sozialneid - beides sind nun mal mächtige Triebfedern menschlichen Denkens und Fühlens. Andererseits, weil nur die klare Niederlage einen kathartischen, befreienden Effekt haben kann. Nur nach der klaren Niederlage ist ein wirklicher Neuanfang möglich.

Die Fußball-Nationalmannschaft ist kein selbstverständliches Identifikationsobjekt mehr. Erstens, weil sie zu lange zu schlecht gespielt hat. Zweitens, weil die Bedeutung des Nationalen in unserem Teil der Welt gesunken ist. Zum Glück? Zum Glück. Aber die Gefühle bleiben, sie suchen sich lediglich neue Ventile. Aus dem Volk ist ein Publikum geworden. Dieses Publikum ist jederzeit dazu bereit, die Fronten zu wechseln, zugunsten einer unterhaltsameren oder sympathischeren Mannschaft. Die deutschen Spieler müssen das Publikum für sich gewinnen, auch das deutsche, wie jeder Showstar. Und die Desaster der Mannschaft genießt das Publikum mit der gleichen voyeuristischen Freude, dem gleichen wohligen Schaudern wie einen Alkoholabsturz von Harald Juhnke oder einen Spendenskandal bei der CDU. Wenn sie verlieren, werden sie in der Boulevardpresse geteert und gefedert - nicht aus echter Empörung, sondern aus Spaß an der Empörung.

Deutsche Fußball-Siege waren immer mit politischer Bedeutung beladen: 1954, der erste nationale Flash nach dem verlorenen Krieg, 1974, ein Triumph im sozialliberalen Reformrausch, 1990 und 1996, Welt- und Europameisterschaften der Wiedervereinigung. Auch jetzt funktioniert die Parallele zwischen Politik und Fußball: Nicht nur die Fußballer sind von nationalen Symbolen zu Showstars geworden, bei den Politikern ist es ähnlich. Niemals sind die Sympathiewerte der großen Parteien in den Meinungsumfragen so Achterbahn gefahren wie in den letzten Jahren. Keine Bindungen mehr. Aber ein einziges gutes Spiel genügt - und das Publikum ist versöhnt.

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