Sport : Die Doping-Prozesse werden in der ganzen Welt im höchsten Maße beachtet

Anna Pietsch

Janice Tomlin sitzt am Schreibtisch ihres Büros in der 77 West 66 Street mitten in New York. In dem Wolkenkratzer in Downtown Manhattan residiert der US-Fernsehgigant ABC. Die TV-Producerin wählt sich die Finger wund. Recherche per Telefon über den Großen Teich. Der Grund: Das US-amerikanische TV-Network plant für die hoch angesehene Magazinsendung "Twenty Twenty" eine große Story über Doping - über Kinderdoping in der DDR. Zur Primetime, um 22 Uhr New Yorker Zeit, fast eine halbe Stunde lang. Starmoderatorin Barbara Walters wird durchs Programm führen, das in allen Bundesstaaten ausgestrahlt wird. Mit großem Gepäck werden die ABC-Techniker und -Redakteure in den nächsten Tagen für die Dreharbeiten nach Deutschland fliegen.

Der aktuelle Anlass für das erstaunlich große Interesse in den Vereinigten Staaten ist klar: das Gerichtsverfahren gegen die Chef-Doper der DDR, den langjährigen Präsidenten des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR, Manfred Ewald, und den Chefmediziner des DDR-Sports, Manfred Hoeppner, Stellvertretender Leiter des Sportmedizinischen Dienstes. Am 2. Mai wird der Prozess stattfinden.

Die Gründe für die erstaunliche Medienresonanz sind indes vielschichtiger. "Der Prozess in Berlin ist für das Publikum in den USA wie eine Rückbetrachtung auf die Sportgeschichte der 70er und 80er Jahre. Denn damals fragten wir uns, warum viele US-Sportlerinnen gegen die DDR-Mädchen keine Chance hatten. Das Verfahren ist jetzt eine Gelegenheit, solche Fragen zu beantworten", erklärt Janice Tomlin.

ABC ist kein Einzelfall. Schon seit Jahren jetten Journalisten und Fernsehcrews aus der ganzen Welt nach Deutschland. Journalisten aus den USA, Australien, Kanada, Großbritannien, Schweden, Dänemark, Italien und Frankreich melden sich regelmäßig bei den einschlägig bekannten Experten. Der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke, der einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung geleistet hat, und der Potsdamer Sporthistoriker Giselher Spitzer mussten sehr oft in das Scheinwerferlicht der ausländischen Fernsehkameras treten. Ebenso oft fragen die TV-Crews aber auch nach Dopingopfern der DDR, die mit Anabolika gemästet wurden und dafür mit körperlichen Schäden bezahlen. Schon beim Pilot-Prozess, 1998, waren Journalisten aus der ganzen Welt im und vor dem Gerichtssaal. Im Vorfeld des Ewald/Hoeppner-Prozesses werden besonders die Auslandskorrespondenten in Berlin in die Spur geschickt. "Die Kollegen in Rom bestellten eine Story über die Spätfolgen des Dopings bei Frauen. Ziemlich schwer, so etwas von einem auf den anderen Tag zu recherchieren", meint Carmen Lasorella, die Chefkorrespondentin des italienischen Staatssender RAI. Einige frühere DDR-Weltklasseathleten bekommen fast regelmäßig Anrufe ausländischer Journalisten. "Wir sind an Stories einzelner Sportlerinnen interessiert. Je persönlicher die Geschichte ist, desto intensiver kann sie für das Publikum sein", sagt Janice Tomlin.

Die ABC-Crew hat ein Mammutprogramm vor sich: Mit rund einem Dutzend ehemaliger DDR-Athletinnen sind bereits Termine verabredet - geredet wird innerhalb nur einer Woche. Am liebsten wäre den ABC-Leuten natürlich, wenn die Antworten auf Englisch kämen. Damit freilich können nur zwei Frauen dienen. Auf Russisch, das ginge noch. Aber Englisch? Njet. Schade, sagt Janice Tomlin. "Besser wäre Englisch, weil durch eine zusätzliche Simultan-Übersetzung die Zwischentöne in einem Interview einfach verloren gehen können."

Das internationale Interesse ist aber ungebrochen - und häufig größer als in Deutschland. Vor kurzem widmete gar die "New York Times" den DDR-Doping-Spätfolgen die Titelseite. Und der Prozess gegen den Verbandsarzt Lothar Kipke war dem renommierten Blatt zwei große Geschichten wert. Wie stark das Interesse am Thema Doping ist, zeigt die weltweite Reaktion auf die schon 1997 produzierte ARD-Sendung "Staatsgeheimnis Kinderdoping" der Berliner Journalisten Karin Helmstaedt und Hajo Seppelt, die allein in zehn Sprachen übersetzt wurde. "Die australischen Kollegen haben sich damals gegenseitig fast eine Art Wettrennen geliefert, wer als Erster den Zuschlag für die Rechte bekam", erinnert sich SFB-Sportreporter Seppelt. "Danach schalteten die Australier sogar mehrfach live zur besten Sendezeit nach Berlin." Ein Reporter des Schwedischen Fernsehens berichtet, die Sendung hätte heftige Zuschauerreaktionen und ein breites Presseecho in seinem Heimatland ausgelöst.

Internationale Journalisten, aber nicht nur sie, haben allerdings seit gestern beim Ewald-Prozess ein ungewöhnliches Problem. Stefan Neuhaus, der den Prozess als Vorsitzender Richter leiten sollte, ist krank. Stattdessen übernimmt Richter Dickhaus den Vorsitz. Und der reduzierte - aus Platzgründen - die Zahl der zugelassenen Journalisten von 35 auf 23. 35 Reporter hätten nur mit einer Zusatzbank Platz gefunden. Gestern wurden nun in einem umfangreichen Losverfahren unter Aufsicht die 23 Journalisten ausgewählt, die in Saal 501 dürfen. Agenturen sind selbstverständlich zugelassen, aber SFB-Reporter Seppelt zum Beispiel muss draußen bleiben. Und viele ausländische Reporter natürlich auch.

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