Sport : Die drei Jahreszeiten der Familie Becker

JÖRG ALLMEROTH

BORIS BECKER (30) beendet in diesem Jahr seine überaus erfolgreiche Laufbahn als Tennisprofi. Obwohl er bereits 1997 verkündet hatte, nie mehr bei seinem Lieblingsturnier in Wimbledon anzutreten, hat er sich noch einmal anders entschieden. Dreimal hat der Mann, der als "17jähriger Leimener" bekannt wurde, in London gewonnen, weitere viermal im Finale gestanden. Mit Becker sprach unser Mitarbeiter Jörg Allmeroth.

Herr Becker, Sie sind sich untreu geworden. Zwei Jahre nach ihrem Abschied von Wimbledon treten Sie wieder daheim in Ihrem Wohnzimmer an. Warum der Bruch mit den eigenen Vorsätzen?

Um meinen Ruf als unberechenbarer Typ zu festigen. Nein, es war für mich die ideale Dramaturgie rund um meinen Abschied vom Tennissport. Hätte ich nicht auf Wimbledon, auf dieses große Ziel, hinarbeiten müssen, wäre jegliche Trainingsmotivation seit Ende 1998 weggewesen. Dann wäre es schon seit Monaten ganz still um Boris Becker geworden, dann wäre ein Finale wie in Hongkong gegen Andre Agassi undenkbar gewesen. Noch eins: 1997 habe ich stets gesagt, daß ich mir eine Ein-Prozent-Chance für ein Grand-Slam-Comeback offenhalte. Dieses eine Prozent nutze ich jetzt.

Sie sprechen von einer wochen-, wenn nicht monatelangen Vorbereitung auf Wimbledon. Hat Sie das Theater im deutschen Davis-Cup-Team belastet, gestört oder sogar aus dem Konzept gebracht?

Sagen wir so: Ich war froh, als ich dem ganzen Trubel einfach entfliehen und nach London jetten konnte. Die letzten Wochen waren sehr anstrengend und auslaugend, weil Tennis nicht immer so im Mittelpunkt gestanden hat, wie ich es mir gewünscht hätte. Aber trotzdem läuft der Countdown nach Plan, ich fühle mich bereit für diese letzte große Herausforderung.

Gibt es einen Traum, eine Idealvorstellung, wie dieses letzte Wimbledon-Turnier sportlich verlaufen sollte?

Nein. Ich freue mich einfach darauf, noch mal antreten zu können. Natürlich habe ich die leise Hoffnung, daß man mich auf dem Centre Court spielen läßt, obwohl ich nicht gesetzt bin. Favoriten sind sowieso andere: Sampras, Agassi, Krajicek. Ich will dem ein oder anderen der Großen ein Bein stellen.

Eines Ihrer Erfolgsgeheimnisse in Wimbledon war ja, daß Sie immer den gleichen Ritualen gefolgt sind: Bestimmte Trainingsplätze, bestimmte Restaurants, bestimmte Miethäuser. Gilt das auch für 1999?

Ich bin vielleicht zu 90 Prozent der alte Becker mit den alten Gewohnheiten. Aber ich kann mich nicht mehr allein in ein Haus verkriechen und beispielsweise die Familie ganz im Stich lassen. Deshalb wohnen wir in der Stadt, wo meine Frau ein bißchen mehr Abwechslung hat und auch mal zum Einkaufen gehen kann.

Wenn es hart auf hart geht, packen Sie aber noch mal den Tunnelblick aus und sind für die Familie nicht ansprechbar, Profi durch und durch.

Das ist Bedingung, um diese letzte wichtige Mission als Tennisprofi anständig über die Bühne zu bringen. Sonst hätte ich nicht nach Wimbledon fahren müssen. Alles wird im entscheidenden Moment dem Erfolg untergeordnet sein.

Ist das auch ein Teil des Respekts, den Sie diesem Turnier gegenüber haben?

Klar. Wimbledon ist der eigentliche Geburtsort des Tennisspielers Becker. Und es ist immer das wichtigste Turnier für mich geblieben. Wimbledon hat mich nie richtig enttäuscht. Meine ganze Saisonplanung war an Wimbledon orientiert. Wenn es hier gut lief, war es irgendwo ein gutes Jahr. Und umgekehrt. Auch meine Familie hat am Ende so gedacht. Meine Frau hat recht, wenn sie sagt: Für uns Beckers gibt es drei Jahreszeiten, die Zeit vor Wimbledon, Wimbledon selbst, und die Zeit nach Wimbledon.

War Wimbledon schon vor dem eigenen Sieg dieses Heiligtum, dieser magische Ort, an dem man später unbedingt gewinnen muß?

Diese besondere Atmosphäre habe ich schon als kleiner Junge am Fernseher gespürt. Und dann gab es ja in dieser Zeit Ende der 70er Jahre auch noch ein paar Spiele wie zwischen Borg und McEnroe, wo man dann selbst gleich auf den Platz ging mit einem Freund und das Drama noch mal nachgespielt hat. Also, Wimbledon hatte schon sehr früh einen großen Platz in meinem Kopf.

Der Sieg mit 17 Jahren hat das begründet, was sie einmal als "ewige Liebe zu Wimbledon" bezeichnet haben.

Selbst wenn ich das Turnier vorher abgrundtief gehaßt hätte, wäre mir danach nichts anderes übriggeblieben, als es zu lieben. Ab dem 7. Juli 1985 gab es keine Wahl mehr. Zum Glück. Ich werde auch in 50 Jahren noch versuchen, jedes Jahr in Wimbledon zu sein, um dieses besondere Feeling zu kriegen. Ich bin ein Teil von Wimbledon, auch ein Teil seiner Geschichte.

Es gab viele Superstars, die sich mit Wimbledon und seinen Konventionen angelegt haben: McEnroe oder Agassi. Hat Sie diese piekfeine, aber angestaubte Etikette nie gestört?

Ich mußte nicht in eine rebellische Haltung flüchten, um Dampf abzulassen. Wer das erlebt in Wimbledon, was ich erlebt habe, der wird demütig. Man hat ja seine Ängste, seine Unsicherheiten, seine Zweifel. Aber in Wimbledon gab es immer ein Happy-End, abgesehen von dem Bänderriß 1984 vielleicht. Da schaut man also zum Himmel und denkt: Danke für die Hilfe von da oben.

Ihr ehemaliger Trainer Bosch findet, der kurioseste Moment überhaupt in Wimbledon sei gewesen, als Sie 1985 das Spiel gegen Tim Mayotte wegen Verletzung aufgeben wollten.

Das war tatsächlich verrückt, weil Mayotte nicht nahe genug bei mir stand und auch nicht ahnte, daß ich Schluß machen wollte. Dann schrien Tiriac und Bosch mich an, ich solle erstmal eine Verletzungspause nehmen. Ich wurde behandelt und gewann das Match noch. Hätte Mayotte besser aufgepaßt, hätte es zumindest 1985 keinen Wimbledonsieger Becker gegeben.

Sportlich war die Titelverteidigung 1986 wichtiger, weil der Gegner Lendl und der öffentliche Druck viel stärker waren.

Völlig logisch. In den zwölf Monaten nach dem ersten Sieg wurde mein Leben auf den Kopf gestellt. Nichts war mehr, wie es vorher war. Und dann erwartet alle Welt, daß du nach Wimbledon kommst und wieder gewinnst. Für mich selbst war es nach dem Sieg gegen Lendl eine unheimlich wichtige Bestätigung, daß ich ein wirklich guter Tennisspieler bin. Mir war damals klar, daß 1985 kein Zufall war. Das bemerkenswerteste Spiel war aber 1995 das Halbfinale gegen Andre Agassi, weil man gegen ihn normalerweise nach einem 2:6, 1:4-Rückstand nicht mehr gewinnen kann. Aber genau dieses Unglaubliche, an das ich selbst nicht geglaubt hatte, schaffte ich plötzlich. Und zwar gegen einen, der mich fünf Jahre am Stück nur besiegt hatte.

Was war schlimmer: Die Niederlage 1990 gegen Stefan Edberg, trotz eines 3:1-Vorsprungs im fünften Satz. Oder die glatte Abfuhr gegen Michael Stich ein Jahr später?

Gegen Edberg, das war viel schlimmer. Den Sieg habe ich wirklich verschenkt, weil ich in meinem eigenen Selbstbewußtsein gebadet habe. Und dann war es ruck, zuck vorbei. Stich war an dem Finaltag viel zu gut, da gab es keinen Ärger. Allerdings habe ich erst mit ein bißchen Verzögerung begriffen, was es heißt, daß da jetzt auch ein anderer Deutscher Wimbledon gewonnen hatte, daß eine Zeit des Teilens beginnen könnte.

Haben Sie Angst vor dem Tag, an dem es den Tennisspieler Becker nicht mehr geben wird?

Ich bin eher erleichtert, wenn es vorbei ist. Wenn ich an die letzten Monate denke und an all die Trainingsqualen, die für eine ordentliche Form nötig waren, sage ich: Danke schön, das muß ich nicht mehr haben. Wenn ich nach Stuttgart komme und mein letztes Turnier spiele, dann ist die Batterie auch leer. Ich weiß, daß Schluß sein muß. Zeit, Good-Bye zu sagen.

Wenn im Herbst das Davis-Cup-Abstiegsspiel gegen Rumänien bevorsteht, wird mancher hoffen, daß sie noch einmal schwach werden und für Deutschland aufschlagen.

Wer darauf setzt, daß ich da an den Start gehe, wird jede Wette und sein Geld verlieren. Nach Stuttgart ist das Thema Tennisprofi Becker erledigt.

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