Sport : Die dritte Halbzeit

Dortmunds Fans zwingen die Mannschaft, über Geld und Sport nachzudenken

Martin Hägele

Stuttgart. Matthias Sammer hatte die Höchststrafe über sein Team verhängt. Er schwieg es einfach tot. Wie Kinder das tun, wenn sie der beste Freund enttäuscht oder verraten hat. „Ich kann zu meiner Mannschaft nichts sagen, weil ich nichts gesehen habe“, sagte Sammer nach der 0:1-Niederlage in Stuttgart. Der Rest war Schweigen. Vielleicht ahnte der Trainer schon, dass sich nach der neuen Pleite etwas zusammenbraute, das weit mehr bewirken könnte als eine Schmährede in der Kabine. Mit den Worten „Matthias, du bist ’ne ehrliche Sau, aber schick’ uns mal die Versager raus“, empfing ihn draußen ein Sprecher jener gelb-schwarzen Fan-Brigade, die mit einem Sitzstreik die Abfahrt des Mannschaftsbusses blockierte.

Die Bilder von diesem modernen Tribunal flimmerten noch am Sonntag über alle Fernseh-Kanäle. Es waren groteske Szenen: mit einer Jury aus Kuttenträgern und vielen aufgebrachten Jugendlichen in Trikots, Jeans und Turnschuhen. Davor standen die Angeklagten in dunklen Klubanzügen mit weißen Hemden und Vereinskrawatten, von denen die meisten nicht wussten, was sie mit ihren Händen tun sollten und wie sie mit ihren Mündern reagieren sollten. Kapitän Reuter verstand noch am ehesten, wie man mit solch einer Stimmung umgehen kann. Auf die Vorwürfe der Fans – „kämpft endlich“, „reißt euch den Arsch auf“, „wir arbeiten für unser Geld – und was gebt ihr uns zurück?“ – reagierte Reuter freundlich. „Man sieht, dass die Fans den Verein unheimlich lieben.“

Eine dreiviertel Stunde lang standen die Herren Millionäre mit gesenkten Köpfen da und mussten sich die Vorwürfe des zahlenden Publikums anhören. Einige Profis entschuldigten sich, einige sprachen davon, dass sie sich schämten, und Manager Michael Zorc lobte die Fans sogar dafür, dass sie öffentlich diese dritte Halbzeit erzwungen hatten. „Ich finde es gut, dass die Mannschaft euren Unmut spürt, das kann ihr in der Zukunft helfen.“ Nach diesem Schlusswort waren die Fans zunächst besänftigt, doch erst nach einer Weile löste sich die Blockade endgültig auf. Zuvor waren noch die Autogramme der Versager gefragt.

Die sportliche Wiedergutmachung der Mannschaft muss am Mittwoch beginnen – beim Hinspiel im Uefa-Cup bei Austria Wien. Am 4. Oktober muss in der Bundesliga in Frankfurt ein Sieg her. Es werden keine glamourösen Gegner sein, gegen die die Profis von Borussia Dortmund nun beweisen müssen, dass sie alter Klasse und den eigenen Ansprüchen gerecht werden können.

Dass seine Mannschaft nur in der heimischen Atmosphäre, angefeuert von 80 000 Westfalen, punkten kann, aber auf fremden Plätzen in diesem Jahr noch kein einziges Spiel gewonnen hat, hat laut Sammer keine sportlichen Gründe. „Das ist eine Geschichte, die sich im Kopf abspielt.“ Bei Borussia Dortmund ist das Geschehen abseits des Platzes schon lange das Problem. Schon zu lange wird über Geld geredet: über den Kurs der vereinseigenen Aktie; über die teuren Transfers, um Verletzungen zu kompensieren; über Gehalts- und Prämienverzichte, nachdem kein Geld mehr aus der Champions-League fließt; über die Steuervorteile für die Topverdiener durch Nachtzuschläge.

Wenn Sammers Spieler in den nächsten Wochen so spielen wie in Stuttgart, dann verschwindet ein vermeintlicher europäischer Topverein im Mittelmaß der Bundesliga. Im Gottlieb-Daimler-Stadion traten die Borussen noch vorsichtiger und verängstigter auf als zuletzt Tabellenletzter Kaiserslautern. Selbst nachdem die Dortmunder durch Kuranyis Kopfballtor in Rückstand geraten waren, hielten sie an jenem Stil fest, den Vereinspräsident Niebaum als Hauptübel ausgemacht hat. „Die Mannschaft spielt nicht Fußball, sie verwaltet Ergebnisse,“ Gegen Stuttgart verwaltete die Mannschaft das 0:1– in keiner Sekunde des Spiels bäumte sie sich auf. Auch in der dritten Halbzeit nicht.

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