Sport : Die Ebenbürtigen

DDR-Handballer zählten ebenfalls zur Weltspitze

Hartmut Moheit

Berlin - Was bedeutet schon eine einzige Spielszene für einen Handballer, der 225 Länderspiele bestritten hat? „Sie kann sich so ins Gehirn eingebrannt haben, dass man sie nie mehr vergisst“, sagt Ingolf Wiegert. Vor knapp 29 Jahren hat der Magdeburger, damals bei der WM- Hauptrunde in Kopenhagen, mit dem DDR-Team gegen die Bundesrepublik das erlebt, was er bis heute nicht vergessen und auch nicht verstanden hat. Er beschreibt diese Szene aus seiner Erinnerung: „Wir führten mit einem Tor und wollten einen Freiwurf ausführen. Hartmut Krüger rollte den Ball zu jener Stelle, da sprintete Heiner Brand dazwischen, nahm den Ball auf und verwandelte den Konter zum Endstand von 14:14.“ Für die Schiedsrichter war mit dem Rollen der Ball wieder im Spiel gewesen. Der westdeutschen Mannschaft brachte das einen wichtigen Punkt auf dem Weg zum WM-Titel, während die ostdeutsche letztlich mit WM-Bronze heimkehrte. „Da waren wir einfach cleverer“, sagt der damalige Weltstar Erhard Wunderlich heute, „aber die DDR wäre ja dennoch ins Finale eingezogen, wenn sie anschließend gegen Jugoslawien nicht nur unentschieden gespielt hätte.“ Diese zugespitzte Situation bei der WM 1978 zeigte aber auch, wie stark zu diesem Zeitpunkt beide deutsche Mannschaften waren. „Wir haben zwar die gleiche Sprache gesprochen, aber wir waren eben auch zwei Länder, die zur Weltspitze gehörten“, beschreibt Wunderlich das Besondere jener Zeit.

Der heute 49-jährige Ingolf Wiegert möchte wegen dieser Geschichte von Kopenhagen heute nicht mehr nachkarten. „Ich bin mit dem, was ich erreicht habe, sehr zufrieden.“ Der Magdeburger war in seiner besten Zeit als Kreisläufer ein Pendant zu Wunderlich, dem bundesdeutschen Rückraumspieler, also ebenfalls Weltklasse. Er galt als „der Mann mit den Kugellagern in den Hüften, der wie nasse Seife war, schlüpfrig und nicht festzuhalten“, wie ihn der damalige jugoslawische Star Sead Hasanefendic mal beschrieb. Doch die DDR-Nationalmannschaft zu Zeiten des Trainers Paul Tiedemann und später unter der Regie von Klaus Langhoff hatte noch mehr dieser Ausnahme- Handballer, beispielsweise Torhüter Wieland Schmidt oder den wuchtigen Rückraumschützen Frank-Michael Wahl. „Auf die Nationalmannschaft war in der DDR alle Methodik ausgerichtet, der Oberliga-Spielplan wurde dementsprechend aufgestellt“, erklärt Wiegert den damaligen Unterschied zum bundesdeutschen System im Handball. „Aus etwa 75 Spielern in fünf Klubs wurde auch das Team des Olympiasiegers gebildet.“

Dass die WM-Erfolge der DDR – zweimal Zweite (1970/1974) sowie zweimal Dritte (1978/1986) – im aktuellen Sonderheft der „Handballwoche“ nur noch im hinteren Statistikteil verzeichnet sind, wird dem keinesfalls gerecht. Nur dort, und nicht mal in der offiziellen deutschen Statistik, ist auch der Olympiasieg der DDR-Handballer 1980 registriert. „Dass unser Erfolg in Moskau wegen des Boykotts vieler Länder keinen Wert habe, das können nur Leute sagen, die vom Handball keine Ahnung haben“, sagt Ingolf Wiegert. Bis auf die BRD sei mit der UdSSR, Rumänien, Ungarn, Spanien und Jugoslawien die Weltspitze schließlich dabei gewesen. Und so fühlt sich Wiegert auch „als echter Olympiasieger“. Verzeichnet ist aber in der deutschen Sonderheft-Statistik neben der offiziellen Mannschafts- Präsentation das Olympiasilber des bundesdeutschen Teams 1984 in Los Angeles. Diese Spiele wurden vom Ostblock boykottiert, und damit hat Wiegert viel größere Probleme. „Ich war da topfit, unsere Mannschaft war stark, die Nichtteilnahme war für mich die größte sportliche Niederlage“, sagt er . 1987 beendete Wiegert seine Laufbahn.

Wiegert hat sich allmählich zurückgezogen: vom Frauen-Bundestrainer (1994) bis zum heutigen Amateur-Coach eines Oberligateams in Heinzleben. Die WM in Deutschland hat nach Jahren sein Interesse für die Handball-Gegenwart wieder wachsen lassen. Der Deutsche Handball- Bund hat für alle Olympiasieger und Weltmeister Karten reserviert, aber dieses Angebot war ihm „wegen der hohen Hotelkosten“ zu teuer. Wiegert nutzt lieber ein Trainer-Symposium, das während der Spiele um die Medaillen in Köln stattfindet. Zum Programm gehört auch der Besuch dieser Spiele, und nebenbei wird durch die Teilnahme Wiegerts A-Lizenz als Trainer verlängert. „Vielleicht brauche ich sie ja doch noch mal“, sagt er. Ursprünglich wollte er darauf verzichten.

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