Sport : Die edle Kunst des Fliegens

Warum Torleute in Europa einen besonderen Stellenwert haben, in Südamerika aber nicht

Sven Goldmann

An der Copacabana sind die Torhüter schon immer nach einem sorgfältigen Muster ausgewählt worden: In den Kasten geht, wer am langsamsten läuft, am schlechtesten mit dem Ball umgeht oder wer als letzter Nein sagt. Diese negative Grundhaltung mag in der Mentalität begründet sein. Der Brasilianer will produzieren und nicht zerstören. Es gibt aber auch ein historisches Motiv, und das spielt an auf die Urkatastrophe eines Landes, das auf seinem Staatsgebiet noch keinen Krieg erlebt hat.

1950 kassierte Moacyr Barbosa im entscheidenden Spiel ein dummes Tor gegen Uruguay, das Brasilien vor 200 000 Zuschauern in Rio die sicher geglaubte Weltmeisterschaft entriss. Im öffentlichem Empfinden trägt Barbosa bis heute Schuld daran, dass ein ganzes Land in Trauer fiel. Sein Schicksal hat die anhaltende Abneigung der Jungs an der Copacabana geprägt.

Das brasilianische Talent spiegelt sich in ballverliebten Dribbelkünstlern, eleganten Strategen oder Offensivverteidigern, die gefährlicher sind als vieler Länder Stürmer. Brasilianische Torleute fallen nur dann positiv auf, wenn sie wenig falsch machen. Weiß noch jemand, wer vor vier Jahren im WM-Finale von Yokohama das brasilianische Tor hütete? Eben. Brasiliens prägende Rolle steht für den gesamten Subkontinent. Südamerika nimmt für sich in Anspruch, den Fußball neu erfunden zu haben, weg vom britisch geprägten „kick and rush“ der Europäer, hin zum leichten, spielerischen Element. Weil dabei alle Energie auf das Kreative konzentriert wurde, spielten die (destruktiven) Torhüter eine untergeordnete Rolle.

Kein Wunder, dass es in der WM-Geschichte keinen überragenden Torhüter aus Südamerika gegeben hat. Die Ausnahme ist der Uruguayer Mazurkiewicz, aber der hatte bei drei WM-Turnieren das Pech, hinter einer Mannschaft zu stehen, die weniger an der fußballerischen denn an der körperlichen Auseinandersetzung interessiert war.

In Europa hat der Job des Torhüters seit jeher sehr viel höhere Wertschätzung erfahren. Der Tscheche Planicka und der Spanier Zamora waren die Stars der Vorkriegsweltmeisterschaften. Beide Torleute führten ihre Nationalmannschaften als Kapitäne auf den Platz. Danach begann die große deutsche Dynastie. 1954 in Bern war der Teufelskerl/Fußballgott Turek mit verantwortlich für den Gründungsmythos der Bundesrepublik, zwanzig Jahre später in München verzweifelten die Holländer an Maiers riesigen Händen , und 2002 hätte Deutschland um ein Haar mit seiner Einerkette Kahn den vierten WM-Titel geholt.

Auch intellektuelle Kreise haben in Europa Gefallen an der Position des allerletzten Mannes gefunden. Als Albert Camus in Algier zwischen den Pfosten flog, stand er in der Blüte seines Lebens (das später in einem Rennauto endete). Vladimir Nabokov dichtete gar: „Mit Begeisterung war ich Torwart. In Russland … ist jene edle Kunst immer von der Aura eines beispiellosen Glanzes umgeben gewesen.“

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