Sport : Die eigenartigen Methoden des Charlie Mills

Die Eröffnung der Derbywoche heute in Mariendorf findet wieder zu Ehren des legendären Trabertrainers statt - mit namhafter Besetzung

Heiko Lingk

Berlin - Irgendwann fing der Trabertrainer Charlie Mills, geboren 1888, mal damit an, seine Pferde schon zwei Stunden vor dem eigentlichen Rennen in einem Höllentempo um die Bahn zu jagen. Von den Konkurrenten wurde er dafür ausgelacht. In den Augen seiner Berufskollegen war dieser Kraftakt, den Charlie Mills als Heat-Fahren bezeichnete, dem Erfolg eher hinderlich, galt es doch, alle Reserven der edlen Pferde bis zum entscheidenden Moment in der Zielgeraden aufzusparen.

Dem irischstämmigen Mills, der im Kreis seiner 13 Geschwister unmittelbar am Rande der Hamburger Trabrennbahn aufgewachsen ist und mit 19 Jahren schon deutscher Sulky-Champion war, hatte man eigentlich ein bisschen mehr Sachverstand zugetraut. Doch die anfangs so argwöhnisch betrachteten Methoden wurden zum Erfolgsrezept: Mills’ Pferde begannen, von Sieg zu Sieg zu rennen. Als Charlie Mills 1972 starb, war er längst Legende und hatte drei Mal im Prix d’Amerique sowie neun Mal im Derby triumphiert. Mit seinen eigenwilligen Ideen hatte er den Trabrennsport revolutioniert.

In seinen späten Jahren, als Charlie Mills nicht mehr selber in den Sulky stieg, aber natürlich als Gast alle großen Renntage in Berlin besuchte, wurde ihm von den Fans der Spitzname „Sepp Herberger des Trabrennsports“ verpasst. Dass die Derbywoche auf der Trabrennbahn Mariendorf alljährlich mit dem Charlie-Mills-Memorial beginnt, ist daher kein Zufall. Der mit 20 000 Euro dotierte Klassiker würdigt nicht nur seinen Namensgeber, sondern er besitzt hohen sportlichen Wert. Denn während beim Derbyfinale am 7. August nur die dreijährigen Traber startberechtigt sind, messen im Charlie-Mills-Memorial am heutigen Sonntag (Beginn des Renntages um 13 Uhr) die älteren und international erprobten Vierbeiner ihre Schnelligkeit. Hinter diesen Spitzenpferden nehmen zudem Profis im Sulky Platz, die ob ihrer Klasse vielfach als die Enkel von Charlie Mills angesehen werden. Helmut Biendl etwa, aus dem bayerischen Salching, kommt auf 6600 Erfolge im Sulky und wird den Wallach Seppi steuern, der schon 20 Rennen gewonnen hat. Sein Konkurrent Heinz Wewering fuhr bisher 15 700 Mal als Sieger über die Ziellinie und ist damit erfolgreichster Trabrennfahrer der Welt. Und Thomas Panschow, der mit dem Favoriten, dem Hengst Ustranas S’Jay, startet, hat sich auf europäischer Ebene viele Achtungserfolge erkämpft. Diese Ausnahmesportler werden, begleitet von der Mariendorfer Amazone Katharina Merz, die Derbywoche an diesem Sonntag (13 Uhr) offiziell mit dem Durchschneiden des Blauen Bandes eröffnen. Katharina Merz selbst tritt dann mit ihrem Wallach Florino Elgin beim zweiten Höhepunkt der Eröffnungsveranstaltung an: In den beiden Vorläufen des Derby-Amateurpokals qualifizieren sich die fünf Besten für das mit 10 000 Euro dotierte Finale, das am kommenden Donnerstag ausgetragen wird.

Insgesamt umfasst die bis zum 7. August dauernde Derbywoche fünf Renntage. Das ausgeschüttete Preisgeld beträgt rund 900 000 Euro. Das Meeting finanziert sich neben der Unterstützung durch Sponsoren hauptsächlich über den Umsatz an den Wettkassen. Ulrich Mommert, der Vorsitzende des Mariendorfer Rennvereins, sagt: „Der Erfolg hängt von vielerlei Faktoren ab, und ich wage keine Prognose darüber, ob wir die 2,2 Millionen Umsatz des Meetings von 2004 diesmal wieder erreichen.“

Der 63-jährige Unternehmer aus der Autozuliefererbranche, der selber rund 100 Pferde besitzt, findet es besonders erfreulich, dass der Sender Premiere Win die Mariendorfer Derbywoche live überträgt: „Sie ist nun mal der absolute Höhepunkt jeder Saison.“

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