Sport : Die Ein-Mann-schaft

Die deutschen Basketballer kommen bei der EM in Form – dank Dirk Nowitzki

Benedikt Voigt[Vrsac]

Als Dirk Bauermann am Sonntagabend um 23.30 Uhr in Vrsac die Halle Centar Millenium verließ, sah er verändert aus. Über seine breiten Schultern hatte der sonst so modebewusste Basketball-Bundestrainer ein Handtuch gelegt, um sich gegen die Kälte zu schützen. „Schöne Jacke“, rief ihm ein Beobachter spöttisch hinterher. Bauermann grinste und entschwand in die Nacht. Er hatte den Mannschaftsbus abfahren lassen und spazierte lieber zu Fuß einen Hügel hinab zum Mannschaftshotel „Srbija“. Um alleine zu sein mit sich und seinen Gedanken nach einem dramatischen Spiel.

„Wir hatten im Grunde schon verloren“, sagte der Bundestrainer nach dem denkwürdigen 51:50-Erfolg über Russland bei der Basketball-Europameisterschaft in Serbien-Montenegro. Der Sieg brachte dem deutschen Team Platz zwei in der Gruppe A und damit den Vorteil, vor dem heutigen Überkreuzspiel gegen die Türkei (18 Uhr, live im DSF) nicht quer durch das Land nach Podgorica reisen zu müssen. „Es ist gut, dass wir uns jetzt ausruhen können und nicht mit Bus und Flugzeug durch die Landschaft gondeln“, sagte Bauermann. Zumal die heutige Partie gegen die Türken, die wohl auf ihren verletzten Aufbauspieler Ibrahim Kutluay (Fingerbruch) verzichten müssen, die bisher wichtigste bei dieser EM ist. Der Sieger trifft am Freitag im Viertelfinale auf Slowenien, der Verlierer fährt nach Hause. Vor vier Jahren hat das deutsche Team ein spannendes EM-Halbfinale gegen die Türkei verloren (78:79 nach Verlängerung).

„Wenn wir so kämpfen wie zuletzt und hoffentlich schneller ins Spiel finden, ist alles drin“, sagte Nowitzki. Er hatte seine Mannschaft erst 27 Sekunden vor dem Ende mit einem erfolgreichen Dreipunktewurf zum ersten und einzigen Mal in Führung gebracht. „Eigentlich wollte ich zum Korb ziehen, weil Wiktor Khriapa sehr dicht an mir dran war“, sagte Nowitzki, „aber dann habe ich ihn drei, vier Mal getäuscht, und als er angebissen hat, habe ich mir gedacht: Das Ding muss jetzt drauf.“

Bis weit in die zweite Halbzeit hatten er und seine Teamkollegen unter einer katastrophalen Offensivschwäche gelitten. Mit der Einwechslung von Misan Nikagbatse und Robert Garrett aber begannen sie, einen Rückstand von 15 Punkten aufzuholen. Nowitzki fühlte sich an die EM 2001 erinnert, als sein Team gegen Griechenland einen Rückstand von 26 Punkten wettmachte und dann Platz vier erreichte. „Ich hoffe, dass das uns jetzt wieder einen Schub gibt“, sagte er.

Der NBA-Star von den Dallas Mavericks ist der überragende Spieler dieser Europameisterschaft. Mit durchschnittlich 26 Punkten und 13 Rebounds pro Spiel führt er die jeweiligen Einzelstatistiken einsam an. Und das, obwohl seine Trefferquote von 39 Prozent bisher zu wünschen übrig lässt. Die deutsche Mannschaft ist eine Ein-Mann-Show, das zeigte sich auch gegen Russland wieder. Nowitzki erzielte 24 Zähler und fing 19 Rebounds, die elf anderen deutschen Spieler kamen gemeinsam auf 27 Punkte und 20 Rebounds. In der Verteidigung erlaubte er dem NBA-Spieler Andrej Kirilenko nur zwölf Zähler. Bauermann geriet ins Schwärmen, als er von seinem Star sprach. „Man neigt dazu, das alles für selbstverständlich zu nehmen, wenn man es jeden Tag sieht“, sagte der 46 Jahre alte Trainer. „Aber es ist ein Wahnsinn, was der Junge macht, ein besseres Vorbild gibt es nicht.“

Das deutsche Team hat bisher bei der Europameisterschaft überzeugt. Einer unglücklichen Niederlage gegen Italien (82:84) stehen Siege über die Ukraine (84:58) und über Russland gegenüber. Die Verteidigung hat sich zum besten Mannschaftsteil entwickelt. „Basketball-Deutschland kann stolz sein auf diese Mannschaft“, sagte Bauermann. Eine Niederlage heute würde dieses Fazit allerdings hinfällig machen.

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