Sport : Die eingebildete Identität

Ajax Amsterdam will kein Judenklub mehr sein – vor allem aus Rücksicht auf die Juden

Stefan Hermanns

Berlin - Hatem Trabelsi ist Tunesier und gläubiger Moslem. Für die Fans von Ajax Amsterdam hingegen ist Trabelsi, der rechte Verteidiger ihrer Mannschaft, ein Jude: „Trabelsi is een Jood“, stand auf einem Transparent, das eine Zeit lang in der Fankurve des beliebtesten holländischen Fußballklubs hing. Für die Anhänger von Ajax ist das die höchste aller Ehrenbezeugungen. Die Fans feiern ihren Verein als „Judenklub“. Sie singen „Steht auf, wenn ihr Juden seid“, tätowieren sich den Davidsstern auf den Körper und bringen israelische Fahnen mit ins Stadion.

Es ist eine seltsame Form des Philosemitismus, der sich auf diese Weise in der Amsterdam-Arena äußert und der die Angelegenheit kompliziert macht. Der Verein selbst nämlich will sich jetzt von seinem jüdischen Image lossagen – ebenfalls aus philosemitischen Gründen. Der Vorsitzende John Jaakke hat in seiner Neujahrsansprache gesagt: „Es muss das Paradox vom Tisch, dass wir als Judenklub gelten, Juden es aber schwer fällt, zu unseren Spielen zu kommen.“

Uri Coronel, der einen Großteil seiner Familie im Holocaust verloren hat, ist einer von ihnen. Zwischen 1989 und 1997 gehörte er dem Vorstand des Vereins an, inzwischen ist Coronel Ehrenmitglied bei Ajax. Dass die so genannte F-Side, der harte Kern der Fans, den Davidsstern mit einem F in der Mitte als Symbol benutze, rufe bei Überlebenden des Holocaust schreckliche Assoziationen an den Judenstern hervor, hat Coronel in einem Interview mit der Zeitung „Het Parool“ gesagt. Er war es dann auch, der jetzt bei einem Fanklubtreffen das Thema angesprochen hat. „Es ist unsinnig, Ajax einen Judenklub zu nennen. Ajax ist nie ein Judenklub gewesen“, sagt er. Das „Algemeen Dagblad“ spricht daher auch von einer „jüdischen Pseudo-Identität“.

Tatsache ist jedoch, dass sich viele Juden nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ajax hingezogen fühlten und dass es in Ajax’ Geschichte einige wichtige Figuren gab, die Juden waren. Neben den Spielern Sjaak Swart und Bennie Müller vor allem Jaap van Praag, der in den glorreichen siebziger Jahren Vorsitzender des Vereins war und die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg in einem Versteck überlebt hat.

Das Image vom Judenklub aber hat sich längst verselbständigt und von den historischen Fakten gelöst: Es ist zur Marotte geworden. Ende der siebziger Jahre wurde Jude zu einer Art Kampfname der Ajax-Anhänger. Entstanden ist er aus Trotz, weil die Ajax-Spieler zuvor als Juden beschimpft worden waren. Inzwischen ruft das offensive Bekenntnis zum Judentum bei gegnerischen Fans immer heftigere antisemitische Reaktionen hervor. Das ist das Problem. „Ich glaube nicht, dass unsere Anhänger rassistisch sind“, sagt Coronel. „Aber sie müssen begreifen, was sie damit anrichten.“

In Rotterdam, bei einem Spiel gegen den Erzrivalen Feyenoord, sei die Ajax- Delegation von den gegnerischen Fans mit dem Hitlergruß empfangen worden, sagt Coronel. Sprechchöre wie „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ sind in holländischen Stadien schon fast normal, wenn Ajax spielt, genauso wie Zischlaute, die ausströmendes Gas imitieren sollen.

Verbale und körperliche Gewalt stellen im holländischen Fußball ein viel größeres Problem dar als etwa in Deutschland, und die Fans von Ajax sind dabei keineswegs nur das Opfer. Ihr angebliches Judentum jedenfalls hindert sie nicht daran, bei Spielen gegen Feyenoord die Zerstörung Rotterdams durch die deutsche Luftwaffe im Mai 1940 zu feiern. Im April dieses Jahres haben sie sogar die Spieler des Reserveteams von Feyenoord verprügelt.

Die Toleranz angesichts solcher Auswüchse schwindet. Im Oktober hat der Bürgermeister von Den Haag das Erstligaspiel zwischen ADO und dem PSV Eindhoven wegen diffamierender Sprechchöre zehn Minuten vor Schluss abbrechen lassen. Nationalstürmer Ruud van Nistelrooy, der in England bei Manchester United spielt, hat bereits im Sommer über die Zustände in den holländischen Stadien geklagt: „Sie nennen dich einen Hurensohn und wünschen dir, dass du Krebs bekommst.“

Ajax versucht bereits seit längerem, die Fans zu einer Abkehr von ihrer jüdischen Identität zu bewegen – bisher ohne Erfolg. „Die Chance, dass es uns gelingt, liegt unter 50 Prozent“, sagt Uri Coronel. „Trotzdem muss man es versuchen.“ Wenn die Amsterdamer von ihren Juden- Rufen abließen, könne man endlich auch gegen die antisemitischen Äußerungen der gegnerischen Fans vorgehen. Viele Ajax-Anhänger glauben allerdings nicht, dass die antijüdischen Beschimpfungen gegen Ajax dann aufhören würden.

Doch so wie es scheint, ist die Vereinsführung entschlossen, ihren Kurs diesmal durchzuziehen. Schon im Dezember, vor dem Champions-League-Spiel gegen Bayern München, ließ sie ein Spruchband aus der Fankurve entfernen. Darauf hatte gestanden: „Juden nehmen Rache für 45“.

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