Sport : Die Eisstudentin

Die Eisschnellläuferin Jenny Wolf übt schon jetzt für Olympia 2010 – und vernachlässigt die Germanistik

Benedikt Voigt

Berlin - Frau Professor Brigitte Handwerker wartete gestern Nachmittag wieder einmal vergeblich auf eine ihrer Studentinnen. Das Hauptseminar „Das Lexikon im Zweitsprachenerwerb“, das die Germanistik-Dozentin donnerstags ab 14 Uhr an der Humboldt-Universität hält, musste mal wieder ohne Jenny Wolf auskommen. Es ist allerdings nicht so, dass sich die Eisschnellläuferin ihr Fehlen nicht genau überlegt hätte, als sie am Mittag nach dem Training in der Eisschnelllaufhalle im Sportforum stand. Trotzdem gab sie zwei Interviewterminen den Vorzug. „Das Hauptseminar ist schon interessant“, sagt sie, „aber heutzutage steht das Material auch im Internet.“

In Jenny Wolfs Leben besitzt die Germanistik nicht die höchste Priorität. Ganz oben steht vielmehr das Eisschnelllaufen und alles, was damit zusammenhängt. Zum Beispiel der Weltcup, der heute ab 14 Uhr im Sportforum Hohenschönhausen in ihrer Heimatstadt Berlin stattfindet. „Das ist schon einer der Saisonhöhepunkte für mich“, sagt die Sprinterin. Ihre Familie wird heute zu ihren Läufen über 500 Meter in die Eisschnelllaufhalle kommen, sogar zwei Tanten aus Cottbus und Pirna reisen an. „Die haben mich bisher nur im Fernsehen laufen gesehen“, sagt sie. Nicht nur deshalb möchte Jenny Wolf in Berlin an die guten Ergebnisse vom Weltcupauftakt in Heerenveen anknüpfen, wo sie auf Platz zwei und drei gesprintet ist.

Andere Läufer leiden in der Saison nach den Olympischen Winterspielen unter Motivationsproblemen, die kanadische Olympiasiegerin Cindy Klassen nimmt gegenwärtig sogar eine Auszeit. Anders Jenny Wolf. „Eine Auszeit kann ich mir überhaupt nicht vorstellen“, sagt die 27-Jährige, „das könnte ich mir schon aus finanziellen Gründen nicht leisten.“ Sie finanziert sich über einen persönlichen Sponsor und Erfolgsprämien der Sporthilfe. Deshalb muss und will sie weiter laufen. Bei den Olympischen Winterspielen von Turin erreichte sie Platz sechs, nun denkt sie schon an die Olympischen Winterspiele in Vancouver 2010. „Dafür will ich mich technisch weiter verbessern“, sagt sie. Seit drei Jahren trainiert sie auch Short Track, um ihre Kurventechnik zu verbessern. Richtig anfreunden aber kann sie sich mit dieser Kampfvariante des Eisschnelllaufens nicht. Sie mag den Körperkontakt nicht. „Das ist nicht ungefährlich, man kann mit dem Kopf in die Bande knallen oder sich an den scharfen Kufen verletzen“, sagt sie, „ich halte mich lieber hinten im Feld auf.“

Jenny Wolf zählt sowieso zu den zurückhaltenderen Menschen. Dass sie nicht wie Anni Friesinger oder Claudia Pechstein in der ersten Reihe des Eisschnelllaufens steht, kommt ihr gelegen. Eine Perücke nach einem Olympiasieg aufzusetzen, wie das Claudia Pechstein gemacht hat, ist nicht ihre Sache. „Das wäre mir zu blöd“, sagt Jenny Wolf und lacht.

Sie wirkt sehr entspannt. Der jüngste Streit um die Strukturreform in der Deutschen Eisschnelllaufgemeinschaft (DESG) berührt sie erst gar nicht. Im Gegenteil, sie findet es gut, dass nun die besten Frauen in einer großen Trainingsgemeinschaft zusammen trainieren. „Gemeinsam macht es doch mehr Spaß“, sagt sie. Die Faszination ihrer Sportart kann sie erst nach einigem Nachdenken erklären. „In den Kurven die Geschwindigkeit zu fühlen, das ist schon toll“, sagt sie. In Heerenveen raste sie mit 53 Stundenkilometern über das Eis. Warum sie sich für das Eisschnelllaufen entschieden hat, kann sie auf Anhieb nicht sagen. Es sei einfach so passiert. Überhaupt hat sie sich für manches in ihrem Leben nicht bewusst entschieden. Es ist vielmehr geschehen.

So war es auch vor 15 Semestern, als sie sich für Germanistik eingeschrieben hat. Damals habe sie gerne gelesen, weshalb sie das Studium angefangen habe, erklärt Jenny Wolf, „aber jetzt bin ich gerade in meiner DVD-Phase“. Gut, dass das Frau Professor Brigitte Handwerker nicht weiß.

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