Sport : Die EM 2006 beginnt

Weltmeister Brasilien scheidet durch ein 0:1 gegen Frankreich aus – die Europäer sind jetzt unter sich

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Es war ein historischer Augenblick, diese 57. Spielminute im Viertelfinale zwischen Brasilien und Frankreich. Denn noch nie hatte Thierry Henry in der Nationalmannschaft nach einem Pass von Zinedine Zidane ein Tor geschossen. Jetzt stand Zidane auf der linken Seite und schlug einen Freistoß lang und immer länger Richtung brasilianisches Tor. Am hinteren Pfosten stand Henry und drückte den Ball direkt ins Netz. Es blieb das einzige Tor in diesem Spiel, weil die Franzosen 90 Minuten lang beherzigten, was Trainer Raymond Domenech gefordert hatte: „Wenn man gegen Brasilien gewinnen will, dann muss alles stimmen, die Technik, die Taktik und die Physis.“

Kurz vor der Halbzeit trauten die Zuschauer ihren Augen nicht. War da doch der junge Zidane auferstanden. Mit seinen 34 Jahren rannte der alte Mann des französischen Fußballs von der eigenen Hälfte los, einen Brasilianer spielte er aus, den zweiten, den dritten, ein vierter kam, da spielte Zidane den Pass auf den aufgerückten Vieira, und Juan konnte den Franzosen gerade noch stoppen. Für dieses Foul hätte man Rot geben können, doch Schiedsrichter Cantalejo Medina aus Spanien beließ es bei der Gelben Karte.

Auf brasilianischer Seite hatte Trainer Carlos Alberto Parreira überraschend Ronaldinho als zweite Spitze neben Ronaldo gestellt. Zusammen mit den offensiven Kaka und Juninho Pernambucano, der für Adriano spielen durfte, sollte so das Kombinationsspiel im Angriff der Brasilianer angekurbelt werden. Tatsächlich funktionierte das ein paar Mal in Ansätzen ganz gut, doch die Pässe von Ronaldinho und Co. auf den jeweils rotierenden Partner waren nicht präzise genug.

Im Laufe der ersten Hälfte eroberten sich die Franzosen mit bissigem Zweikampfverhalten sogar ein Übergewicht im Mittelfeld, und der für Emerson spielende Jäger vor der Abwehr, Gilberto Silva, schaffte es deshalb nicht mehr, die Bälle schnell genug nach vorne zu schleppen. Auch Ze Roberto begann gut, ließ sich aber dann vom Gegner beeindrucken. Vielleicht wirkte das traumatische Finale von 1998 in den Köpfen der Brasilianer eher hemmend als motivierend. Damals hatten die Franzosen durch zwei Kopfballtore von Zidane und einem Tor von Petit 3:0 gewonnen und waren Weltmeister im eigenen Land geworden. Es war auch das Spiel, bei dem die Welt um den jungen Ronaldo rätselte, der vor dem Finale umgekippt war, aber schließlich doch spielte – wie ein Schatten seiner selbst.

Gestern lief Ronaldo zwar so viel wie noch nie bei dieser WM, was für die ganze Mannschaft galt, trotzdem hatten die Franzosen vorne bessere Szenen. Wenn die jungen Spieler wie Ribery und Malouda ein paar Mal mehr Ruhe statt Eifer gezeigt hätten, wäre womöglich das eine oder andere Zuspiel mehr bei Henry angekommen. Jedenfalls versuchten es die Franzosen mit zwei richtigen Mitteln: Entweder sie kamen über die Außen, wobei vor allem auf der rechten Abwehrseite Cafu ein schwaches Spiel absolvierte. Oder Zidane versuchte steil auf Henry zu passen. Bis auf einen Kopfball von Malouda und ein paar Freistößen aus guter Position sprang allerdings auch für die Franzosen erst nichts heraus. Als Medina zur Halbzeit pfiff, umarmten die französischen Auswechselspieler ihren Kapitän Zidane. Der lachte, als hätte er sein Team bereits zum Sieg geführt.

Vielleicht ahnte Frankreichs großer Ausnahmefußballer, was an diesem Abend geschehen würde. Die Franzosen jedenfalls begannen dort, wo sie in der ersten Halbzeit aufgehört hatten. Bei einem Freistoß von Zidane nahm Vieira den Ball dem besser postierten Henry noch weg, doch ein paar Minuten später entwischte der Stürmer vom FC Arsenal aus unerfindlichen Gründen bei Zidanes Freistoß der brasilianischen Abwehr und schoss das 1:0. Auch danach waren Chancen da. Erst trudelte ein Schuss Riberys, abgefälscht von Juan, nur knapp am Tor vorbei, dann schickte Henry Ribery, der schoss den herausgeeilten Dida an.

Die Brasilianer waren konsterniert. Jetzt rächte sich, dass sie kaum einmal an die Leistungsgrenze gegangen waren. Mit Adriano und Robinho brachte Parreira zwar noch zwei Stürmer, aber dieses Spiel wollten sich die Franzosen nicht mehr stehlen lassen. Ronaldinho tauchte bis auf einen guten Freistoß unter, Ronaldo bekam kaum Chancen, stattdessen erlebte das Publikum Franzosen, die in einen Jungbrunnen gefallen zu sein schienen. Sie hatten den amtierenden Weltmeister aus dem Turnier geworfen – und dafür gesorgt, dass jetzt nur noch europäische Mannschaften bei der WM dabei sind.

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