Sport : Die Emanzipation der Flintenweiber

Hartmut Scherzer/Soldier Hollow

Die Biathletinnen feiern heute - auf den Tag genau - ihr zehnjähriges Olympia-Jubiläum. Am 11. Februar 1992 schulterten in Les Saisies erstmals Skijägerinnen bei Olympia die Gewehre. Von Flintenweibern war damals noch respektlos die Rede. Längst haben sich die Zweikämpferinnen mit Ski und Waffe emanzipiert.

Salt Lake City 2002 Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Da trifft es sich, dass eine der erfolgreichsten Biathletinnen dieser Dekade um die Ecke des olympischen Schauplatzes Soldier Hollow wohnt: Antje Misersky-Harvey. Eine halbe Stunde vor dem Auftakt im Biathlon, dem 15-km-Rennen der Damen, wird die erste Olympiasiegerin dieser Distanz "auf eine besondere Weise geehrt", wie ein Sprecher der Internationalen Biathlon-Union (IBU) ankündigte. Am Premierentag vor zehn Jahren hatte die Thüringerin auf der 7,5-km-Strecke die erste ihrer insgesamt drei Silbermedaillen gewonnen.

Seit 1993 ist Antje Misersky mit dem einstigen amerikanischen Biathleten Ian Harvey verheiratet, lebt seit fast sechs Jahren in dem Städtchen Heber City, zehn Auto-Minuten von Soldier Hollow entfernt, hat zwei Töchter von fünf Jahren (Hazel) und elf Monaten (Pearl) und in diesen olympischen Tagen mehr Stress als zu ihrer aktiven Zeit. "Das sind schon hammerharte Tage", stöhnt sie. Nachts um 2.30 Uhr Auftritt im ARD-Studio in Salt Lake City. Das Haus voller amerikanischer Freunde, die sich hier während der Spiele einquartiert haben. Die 34-jährige Mutter muss nicht nur die beiden kleinen Mädchen versorgen, sondern zusammen mit ihrem Mann auch noch die Firma führen, die Generalvertretungen eines Schweizer Skiwachses und finnischer Langlaufhandschuhe für die USA. Das Geschäft blüht im Olympia-Winter.

"Arbeiten und zwei kleine Kinder, da bleibt für sportliche Betätigung keine Zeit", klagt die einstige Athletin. Am zeitsparendsten sei ein bisschen Joggen. Skilanglauf ist schon zu zeitaufwändig. Aber sie kennt die Strecke und weiß, was auf ihre Nachfolgerinnen zukommt: "Sehr, sehr schwer mit den Anstiegen. Die Höhenlage ist schon Höhenlimit." Antje Misersky-Harvey freut sich auf "optimale Winterspiele, denn im amerikanischen Fernsehen, und das ist schon traurig, wird vom Wintersport sonst nur Eishockey und Eiskunstlaufen gezeigt".

Alte Mannschaftskameraden und Staffelkolleginnnen von Albertville und Lillehammer kämpfen auch in Soldier Hollow immer noch um olympische Medaillen, die unverwüstliche Uschi Disl und der dreimalige Staffel-Olympiasieger Ricco Groß bereits zum vierten Mal. Da lässt es sich eigentlich locker an den Start gehen. "Ich habe sechs olympische Medaillen gewonnen", zählt die einunddreißigjährige Uschi Disl auf. "Ich laufe seit elf Jahren in der Weltspitze mit. Alles, was jetzt noch dazu kommt, sind Sahnehäubchen." Biathlon ist ein zuverlässiger deutscher Medaillen-Lieferant. Sechsmal Gold, achtmal Silber und viermal Bronze hamsterte die deutsche Mannschaft in den neunziger Jahren. Der Zweikampf ist zu einem spannenden Spektakel geworden. Wenn dann das norwegisch-französische Biathlon-Paar Poirée auch noch doppeltes Gold holen sollte, würde Biathlon obendrein das olympische Traumpaar stellen - und ein Novum bieten: Ein Ehepaar siegt für zwei verschiedene Länder. Antje Miserskys Traummann war kein Medaillenkandidat.

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