Die englische Sicht : Packt die Helme weg! Wir kommen nicht

England jammert noch immer über sein Scheitern - auch wegen der drei Milliarden Euro Verlust beim Merchandising und anderen Fußballgeschäften. Für Fans gibt es jetzt eine widersprüchliche Ersatzstrategie: EM ignorieren, aber feiern, wenn Spieler des geliebten Premier-League-Klubs in Österreich und der Schweiz Erfolg haben.

Barney Ronay
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Bälle und Bücher. Wayne hat viel Zeit zum Lesen.Foto: AFP

Es hat sich ja alles ein bisschen beruhigt. Erst waren wir total durcheinander und wurden hysterisch. Den Trainer rauszuwerfen, hat dann offenbar geholfen. Jetzt verfolgen die meisten Leute eine doppelte Bewältigungsstrategie: Ignorieren, dass die EM überhaupt stattfindet und so zu tun, als wenn uns das sowieso alles nichts angeht. Dies ist zum Teil ein Erfolg der brutal fröhlichen PR, die den englischen Fußball dank der Premier League und dem Bezahlfernsehen dieser Tage umgibt. Die Fassade des Ersatzoptimismus wurde durch den Erfolg der englischen Klubs in der Champions League aufrechterhalten. Wenn die Fans des Nationalteams bereit sind, dabei mitzumachen, dann liegt das aber auch an der Erkenntnis, wie schlecht die Mannschaft tatsächlich in der EM-Qualifikation war.

Normalerweise bemühen wir das Pech oder gutes altes europäisches Schummeln als Erklärung für unsere Niederlagen. Dieses Mal aber war England wahrhaft düster. Die Niederlagen gegen Russland und Kroatien wirkten umso schockierender, als unsere aktuelle Spielerschar als „goldene Generation“ gehandelt wurde. Die Verpflichtung des unversöhnlichen Fabio Capello als Nationaltrainer für den hilflosen Steve McClaren passte dann sehr schön zu den neuen Gefühlen des Selbsthasses der Nation. Bis dato hat Capello den Kapitän, John Terry, ausgemustert und unserem besten Spieler, Wayne Rooney, gesagt, dass er besser werden muss. Das gab viel Applaus. Nach der Demütigung des Scheiterns in der Qualifikation stellt sich heraus, dass ein furchterregender Italiener, der uns alle fünf Minuten zusammenstaucht, genau das ist, was wir brauchten.

Die Frage, was das nun wieder kostet, nicht dabei zu sein, erregte viel Aufmerksamkeit. Eine bedeutende Mikroökonomie hat sich um Englands Teilnahme an einem großen Turnier alle zwei Jahre entwickelt. Wenn wir schon beim Fußball nicht vorn liegen, dann sind wir wenigsten bei offiziellen EM- oder WM-Songs, Merchandising, Hospitality für VIPs und Firmen, Schokoladenmünzen, Plastikfähnchen, Trikots und T-Shirts führend in der Welt. Die direkten Verluste wurden auf drei Milliarden Euro beziffert, aber das dürfte weit höher liegen. Der Fußball genoss goldene 15 Jahre als wichtigste Freizeitindustrie der Nation, angestachelt durch die Premier League aber auch den Erfolg als Gastgeber der EM 1996. Es mag für europäische Leser merkwürdig erscheinen, dass viel des Jammerns über Englands Scheitern sich um das finanzielle schwarze Loch dreht.

Es gibt aber nicht nur schlechte Nachrichten. Die EM verpasst zu haben hat auch einen Vorteil. Zunächst einmal setzt sich nun die Erkenntnis durch, dass der englische Klubfußball in den letzten Jahren grauenhaft selbstzufrieden geworden ist. Die Fernseherlöse der Premier League machen es möglich, dass sogar mittelmäßige Klubs die Talente aus dem Ausland gleich en gros importieren. Wenn 63 Prozent der Premier-League-Spieler aus dem Ausland kommen, ist es nur natürlich, dass das Reservoir für die Nationalmannschaft schrumpft. Das Aus in der EM-Qualifikation hat den englischen Fußball-Verband und die Klubs dazu gezwungen, sich zumindest mit dieser Tatsache auseinanderzusetzen und nun mehr dafür zu tun, junge Spieler in genügender Zahl und mit genügendem Standard auszubilden.

Auch für die Fans gibt es Trost. Dieses Mal können wir einfach den Fußball genießen, ohne stündliche, obsessive Updates der Medien aus dem Mannschaftshotel der Engländer. In früheren Turnieren ohne England adoptierten die Fans andere Teams. Diesmal geht es dabei vor allem um Loyalitäten aus der Premier League. Manchester-United-Fans haben sich mit Cristiano Ronaldo über Portugals Auftaktsieg gegen die Türkei gefreut. Middlesbrough-Fans dürften sich mit Tuncay geärgert haben. Und alle englischen Fußballfans werden mit Interesse verfolgen, ob irgendein Kroate oder Pole, der ein halbwegs gutes Spiel gegen Deutschland zeigt, wohl in der nächsten Saison bei Manchester City oder Wigan auftaucht.

Und dann ist da natürlich noch das Thema Hooligans, sonst alle zwei Jahre ein Grund dafür, dass alle Welt England für peinlich hält. Was für eine Erleichterung, diesmal keine Plastikstüzhle über ansonsten verschlafene Dorfplätze sehen zu müssen - zumindest bis 2010 die WM in Südafrika losgeht. Das war eine gute Nachricht für Cafébesitzer und Polizeibeamte auf dem Kontinent: die reisende Armee der rotgesichtigen, halbnackten, tätowierten, falsch singenden, Bier herunterstürzenden Grobiane mittleren Alters bleibt zu Hause. Ihr könnt Eure Helme und Schilde wegpacken. Alles ist ok. Wir kommen nicht. Ähnlich ergeht es der englischen Boulevardpresse. Sie wird um ihre Chance gebracht, ihre Bessessenheit mit der Sprache und den Bildern des ZweitenWeltkriegs auszuleben. Graben- und Blitzkrieg, Schlachten und bedingungslose Kapitulation fallen auf unseren Titel- und Sportseiten diesmal aus.

Als englischer Journalist, der über ein Turnier ohne England berichtet, freue ich mich auf drei Wochen ungewöhnlich ausgewogener und fairer Berichterstattung, frei von Hurrapatriotismus und all den sonst üblichen Belanglosigkeiten. Allerdings kann es passieren, dass meine Artikel auf den Seiten nach unten rücken, sobald Wimbledon naht.

Der Autor arbeitet für die Zeitung „The Guardian“ und das Fußballmagazin „When Saturday Comes“. Den Beitrag hat Markus Hesselmann übersetzt.

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