Sport : Die Entdeckung der Demokratie

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Benedikt Voigt über den Wahlkampf im Nationalen Olympischen Komitee

Es ist etwas Unglaubliches passiert im Nationalen Olympischen Komitee (NOK). Wenn am 3. November die Hauptversammlung in Nürnberg einen neuen Präsidenten wählt, wird sich nicht nur der alte Amtsinhaber Walther Tröger bewerben. Das Skandalöse ist, dass sich in Klaus Steinbach noch ein zweiter Kandidat zur Wahl stellt. Das ist man im NOK nicht gewohnt. Zwei Kandidaten für ein Präsidentenamt, eine demokratische Wahl zwischen zwei Bewerbern – ist das erlaubt?

Leider ja, würde Walther Tröger wohl sagen. Sofort nachdem Steinbach seine Kandidatur bekanntgegeben hatte, beschuldigte der 73-Jährige seinen jüngeren Gegner des Wortbruchs. Und spätestens seit dem 11. September dieses Jahres, als Steinbach sein Programm den Fachverbänden vorstellte, ist der Wahlkampf eröffnet. Klaus Steinbach redet immerhin öffentlich über seine Ideen, die aber die Experten bislang nicht sonderlich überzeugen. Tröger hält sich widerwillig zurück. „Mein Programm stelle ich auf der Hauptversammlung vor“, sagt der Funktionär, der dem NOK seit 1992 vorsteht. Er will es machen, wie er es immer gemacht hat. „Ich mache keine Wahlkampftournee“, sagte Tröger, „ich habe allen Verbandspräsidenten angeboten, mich anzurufen, wenn es Fragen gibt.“ Die gibt es seit gestern.

Da erschien die Nummer zehn des NOK-Reports. Die Postille, die eigentlich ein neutrales Organ des Nationalen Olympischen Komitees sein sollte, macht Politik für den amtierenden Präsidenten. Walther Tröger wird gelobt. Er halte sich „bei derartigen Schusswechseln (...) weitgehend zurück“, schreibt der NOK-Report. Steinbach hingegen sei im Wahlkampf der Versuchung erlegen, „den Zustand des olympischen Sports in Deutschland als eine Anhäufung von Defiziten, Versäumnissen und Fehlentwicklungen zu beschreiben“. Und es sei noch schlimmer. Steinbach sei „Schritt für Schritt in ausufernde Gereiztheit hineingeschlittert“. Doch gehört das Beklagen von Defiziten, Versäumnissen und Fehlentwicklungen nicht zu einem echten Wahlkampf? Der Kanzlerkandidat Edmund Stoiber hat das doch gerade erst vorgemacht. Das Duell um das Bundeskanzleramt hat jedoch auch gezeigt, dass nicht unbedingt derjenige gewinnt, der sich am lautesten über die aktuelle Politik beklagt. Eigentlich ein Grund für den NOK-Report, sich in Gerhard Schröders Gelassenheit zu üben. Aber nein, das Blatt zetert und schimpft.

Das finden wiederum andere nicht so nett. Manfred von Richthofen stellt fest, dass das Blatt zu einem Kampfblatt der übelsten Form werde. Hier muss man allerdings hinzufügen, dass der Präsident des Deutschen Sportbundes traditionell als ausgewiesener Gegner von Walther Tröger gilt. Richthofen wird nicht der Letzte sein, der sich in dieser Angelegenheit äußert. Und so entsteht Rede und Widerrede, und das nennt man dann Wahlkampf, wie das in einer Demokratie eben üblich ist. Daran werden sich auch Tröger und der NOK-Report noch gewöhnen.

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