Sport : Die Eroberer des Magentatrikots T-Mobile scheitert oft an den eigenen Ansprüchen

Hartmut Scherzer

Briançon - Die Sonne strahlte über Courchevel. Fallschirmspringer segelten vom Himmel, Skispringer flogen von der Olympiaschanze. Zehntausende Urlauber und Radsportsfans bevölkerten gut gelaunt die Straßen. Ein herrlicher Vormittag. Nur nicht für das T-Mobile-Team, zumindest nicht dann, wenn die Radsportler beim Frühstück im Hotel „Trois Vallees“ die Zeitung „L’Equipe“ aufgeschlagen hatten. Auf Seite 4 sprang ihnen eine wenig schmeichelhafte Überschrift entgegen: „Les Allemands encaissant“ – die Deutschen abgewatscht.

So schnelllebig ist die Tour. Nach der ersten Vogesen-Etappe am Samstag hatte sich Tour-Chef Jean-Marie Leblanc persönlich bei T-Mobile für die gute Show des Teams bedankt, und die „L’Equipe“ hatte getitelt: „Alarm für Armstrong“. Jetzt lautete die Armstrong-Schlagzeile: „Superman, le retour.“

Von „Zusammenbruch“ bei T-Mobile war jetzt im Tour-Organ die Rede und von der Ratlosigkeit, den Schaden zu erklären. Das passende Foto zum Debakel zeigte, wie ein entspannt wirkender Andreas Klöden einen Grimassen schneidenden Jan Ullrich in seinem Windschatten den Berg hinaufzieht. Der Tourzweite 2004 hatte auf den angeschlagenen Toursieger 1997 gewartet.

Olaf Ludwig, der Team-Manager, und Mario Kummer, der Sportdirektor, flüchteten sich in die üblichen Phrasen: „Die Tour ist noch nicht entschieden“ und „Die Etappe nach dem Ruhetag ist immer sehr gefährlich.“ Nur der oberste Chef, Walter Godefroot, redete nicht lange drum herum, sondern sprach Klartext: „Das Klassement ist deutlich und vermittelt die Realität: Wir sind nicht gut.“ Mannschaftsarzt Lothar Heinrich sagte sogar in der ersten Resignation: „Jetzt geht es nur noch um Etappensiege.“ Winokurow setzte diese neue Strategie gestern in die Tat um.

Jan Ullrich, so Godefroot, könne seit seinen beiden Stürzen nicht sein volles Potenzial ausschöpfen. „Aber Jan muss auch realisieren, dass er nicht in der Lage ist, den Besten zu folgen.“ Die schwache Leistung Alexander Winokurows am Dienstag, mit der sich der Kasache um jede realistische Chance auf den Toursieg gebracht hatte, war nicht nur Godefroot ein Rätsel: „Bei Wino weiß man nicht, was passiert ist. Ich glaube, der Ruhetag hat seinen Elan zerschnitten.“ Winokurow gab an, sich an dem ganzen Tag schlecht gefühlt zu haben. „Mein Puls war viel zu hoch, ich war blockiert. Und das, nachdem ich mich das ganze Jahr auf die Tour vorbereitet habe.“

Beim Start stand die Garde der Trikot-Träger gestern wie üblich in der ersten Reihe in der Mitte: Lance Armstrong in Gelb, Mickael Rasmussen im weiß-rot-gepunkteten Berghemd, Tom Boonen im Grünen Hemd des besten Sprinters und Alejandro Valverde als bester Nachwuchsfahrer in Weiß. Giuseppe Guerini vertrat in vorderster Reihe das T-Mobile-Team. Seine Trikotfarbe: Magenta.

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