Sport : Die Erotik des Chlorwassers

Hannah Stockbauer sollte die neue van Almsick werden, doch das war eine Nummer zu groß

Frank Bachner

Berlin. Um genügend prickelnde Atmosphäre musste sich Hannah Stockbauer keine Gedanken machen. Der Fotokünstler aus Karlsruhe hatte da schon seine Vorstellungen. Sonne, Strand, Sand auf nackter Haut, nass-verklebte Haare verführerisch drapiert, er schilderte die erotischen Motive ausführlich. Aber Stockbauer lehnte seine Anfrage dankend ab. Sie wollte auch nicht zu der Präsentation dieses Sportstudios, obwohl dort auch Franz Beckenbauer auftrat, sie wollte lieber in Barcelona trainieren. Hannah Stockbauer lehnt seit Monaten fast alles ab. Sie quält sich lieber durchs Wasser.

Deshalb wird sie bei den Deutschen Schwimm-Meisterschaften in Hamburg, die am Mittwoch beginnen, wohl auch einer der großen Stars. Hannah Stockbauer schwamm vor einer Woche 4:10,55 Minuten über 400 m Freistil, sie ist jetzt Vierte der Weltrangliste. „Sie ist so gut in Form wie selbst bei der WM 2001 nicht“, sagt Roland Böller, der Trainer. 2001 wurde Stockbauer zweimalige Weltmeisterin, über 1500 m und 800 m.

Nach der WM 2001 lehnte sie erotische Fotos nicht ab. Da legte sie sich an den Strand, nur im String-Tanga oder dazu noch mit einem nassen, weißen Seidentuch bedeckt, ein Fotograf von „Maxim“ schoss Fotos, und Hannah Stockbauer war plötzlich eine Mediennummer. Journalisten wählten sie zur Sportlerin des Jahres 2001. Aber dann fabulierten Boulevardzeitungen von der „neuen van Almsick“, und spätestens da begannen die Fehler und die Probleme der Freistil-Spezialistin aus Erlangen, Schülerin am örtlichen Gymnasium. Es war nur ein Etikett, das ihr angepappt wurde, ein paar Nummern zu groß für sie, aber sie nahm es ernst. Oder, besser gesagt: Sie wehrte sich nicht dagegen.

Stefan Raab lud ein, Harald Schmidt auch, die TV-Größen, aber Raab benützte sie bloß für billige Gags. „Es gab schon viele Einladungen, aber große Werbe-Angebote, das muss man sagen, blieben aus“, sagt Erlfried König, Chef der Agentur ISMM, die Stockbauer vermarktet. Es reichte nur für regionale Sponsoren wie etwa die Sparkasse Nürnberg. Verträge, wie sie van Almsick besitzt, waren kein Thema. Van Almsick ist für Geldgeber als Person ein Star, Stockbauer ist nur Teil einer Randsportart. Doch die Schülerin war 19, für sie waren die Anfragen Signale aus einer großen Welt. Sie ließ kaum einen Termin aus, sie hetzte auch nach dem Höhentrainingslager vor der EM 2002 zu einem PR-Termin nach Frankfurt, statt sich optimal der deutschen Höhe anzupassen. „Solche Dinge zogen sich durch wie ein roter Faden“, sagt Böller. Dazu kam noch der Abiturstress.

Bei der EM holte sie dann Bronze über 400 m Freistil und Staffel-Gold, aber das war weit unter Plan, und Böller war sauer. Er hatte sowieso kein absolut gesichertes Einkommen in Erlangen, er überlegte einen Wechsel zum hessischen Verband. Stockbauer sorgte mit dafür, dass ein Konzern Böller finanziell absicherte. Die EM-Dritte freilich verlor nach der EM den Werbevertrag mit der Stadtsparkasse Nürnberg.

Aber Böller legt nun die Regeln fest; Schwimmen geht vor. Auch Stockbauer sagt das jetzt, die 21-Jährige ackert wie früher. Belastungen aushalten konnte sie schon immer. Wenn ihr Zahnarzt nur kurz bohrt, lehnt sie eine Spritze lässig ab. Und als Elfjährige wurde sie deutsche Jugendmeisterin, obwohl sie zwei Tage zuvor noch einen Arm im Gips hatte. Der Gips war ein Irrtum, ein Arzt hatte fälschlich einen Bruch diagnostiziert, ein zweiter Arzt korrigierte nach Tagen den Befund. Stockbauer riss den Gips ab und schwamm mit einer Riesenwut zum Titel.

Wenn sie in Hamburg, bei ihren vier Einzel-Starts, Titel gewinnt, dürften allerdings dem Direktor ihres früheren Gymnasiums eine unangenehme Erinnerungen hochkommen. Der Pädagoge war peinlich berührt, als er erfuhr, dass die Starschwimmerin Stockbauer als Zwölftklässlerin als Einzige im Sport nur eine Zwei erhalten hatte. Der Rest der Klasse hatte eine Eins. Stockbauer hatte wegen ihres Trainings ein paar Tests verpasst, eine Eins, hatte der Sportlehrer erklärt, sei nicht drin. Ein Nürnberger Journalist erfuhr die Geschichte, und der Direktor bat ihn händeringend, diese vermeintliche Peinlichkeit zu verschweigen. Vergeblich.

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